Tagesarchiv für den 14. September 2009

Sturm-Hoffnungen

14. September 2009

Die Wellen schlagen hoch: Soll der HSV einen arbeitslosen Stürmer verpflichten, oder soll er besser die Finger davon lassen? Trainer Bruno Labbadia erklärte zwei Tage nach dem 3:1-Sieg über den VfB Stuttgart: „Wir werden auf keinen Fall eine Panik-Aktion starten, sondern in aller Ruhe Vorteile und Nachteile abwägen.“ Und das war nicht nur ein Spruch, sondern wohl die reine Wahrheit, denn Labbadia wirkte bei seinen Worten restlos entspannt. Der HSV steckt in einem kleinen Dilemma: Holt er sich jetzt einen neuen Stürmer, den wir ab jetzt mal Ebi Smolarek nennen wollen, dann könnte dieser Ersatzmann in diesem Jahr nicht mehr in der Europa League eingesetzt werden. So sind die Uefa-Statuten. Also wären die beiden „erwachsenen“ HSV-Angreifer, Mladen Petric und Marcus Berg, schon einmal für die internationalen Spiele gesetzt. Smolarek wäre also einer für Liga und Pokal. Ist er dafür aber so dringend notwendig?

Ich habe nach wie vor meine Zweifel, aber beim Training (Leistungstest) am Montag waren die Kollegen anderer Zeitungen fast alle der Meinung, dass der HSV jetzt reagieren müsste. Vielfach erntete ich ein wenig Spott (wie bei Matz ab), dass ich tatsächlich so „amateurhaft glauben“ würde, dass es die Talente Tolgay Arslan und Tunay Torun richten könnten.

Natürlich gebe ich zu, dass die Dreifach-Belastung, die auf den HSV zukommen wird, nicht zu unterschätzen ist. Und natürlich könnten auch einmal Petric und Berg verletzt oder gesperrt ausfallen. Und dann? Labbadia sagt dazu genau das, was ich auch denke: „Wir haben ja noch andere Stürmer. Und vielleicht ist diese Situation ja auch eine Chance für die Jungen.“ Genau. Was ist denn mit Jonathan Pitroipa, Romeo Castelen, Eljero Elia? Sie alle könnten auch den (Ersatz-)Stürmer geben. Zur Not müsste Bruno Labbadia dann eben einmal (oder auch mehrfach) sein System ändern. Statt zweier Angreifer nur einen aufbieten, dafür aber zwei Flügelstürmer einsetzen. Und: Der Coach hängt offenbar gar nicht mal so sehr an seiner Taktik, denn er sagt: „Ich werde alles das tun, was gut für die Mannschaft  ist.“
Und wenn der Coach dazu in jedem Spiel, in dem es das Ergebnis zulässt, einen jungen Mann (Arslan oder Torun) für ein paar Minuten einwechselt, dann könnten sich diese Jungs vielleicht so entwickeln, wie es sich der HSV einst bei ihren Verpflichtungen erhofft hatte. Torun hat doch in der vergangenen Saison gute bis beste Ansätze gehabt. Er kam sogar gegen Welt-Klubs wie Juventus Turin und Real Madrid zu (Kurz-)Einsätzen – beim Emirates-Cup in London. Und es hat der Mannschaft nicht geschadet, denn sie gewann das Arsenal-Turnier.

Dass Torun in dieser Spielzeit bislang nicht überzeugen konnte, hat meiner Ansicht nach einen anderen Grund. Gegen Randers im EL-Rückspiel spielte er mit vielen Talenten vor. Sie alle wollten den Trainer mit einer großartigen Leistung beeindrucken, aber nichts lief zusammen. Und dann verkrampft man, dann geht man mit der Minus-Leistung der gesamten Mannschaft unter, obwohl man sich doch so viel vorgenommen hatte. Fußballer, die einmal auf dem Weg nach oben waren (egal in welcher Klasse), werden das alles nachvollziehen können. Ich jedenfalls bin nach wie vor davon überzeugt, dass Tunay Torun noch der Durchbruch gelingt. Wie wohl auch Tolgay Arslan, von dem ich aber weder in Spielen der Zweiten noch beim Training so viel gesehen habe, als dass ich das auch von ihm behaupten könnte. Viele von Euch aber kennen ihn anscheinend so gut, dass sie das Talent von Arslan sogar über dem von Torun setzen – umso besser (für den HSV).

Unabhängig von dieser ungeklärten Frage, ob nun noch ein gestandener Stürmer verpflichtet wird, beeindruckte mich Labbadia mit folgender Aussage: „Wir lassen Kandidaten, für die wir uns interessieren, die für uns als Verstärkungen in Frage kommen, ganz genau und intensiv beobachten. Sogar im Training.“ Und auch schon jetzt. Irgendwie scheint mit dem neuen Trainer auch eine noch profihaftere Einstellung beim HSV Einzug gehalten zu haben.
Ein Blick noch auf die vom HSV ausgeliehenen Stürmer. Bei Eric-Maxim Choupo-Moting, das gebe ich zu, habe ich mich getäuscht. Als er nun zum 1. FC Nürnberg ging, hatte ich im Kollegenkreis geunkt: „Der gute Eric macht beim Club nur zwei Spiele. Eines von der 78. Minute an, eines von 87. Minute an.“ Weit daneben. Das ehemals große (oder größte?) HSV-Talent, das in seiner Hamburger Profi-Mannschaft allerdings nicht das beste Standing hatte (um es mal gnädig auszudrücken), wurde nun beim 1:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach bereits in der 63. Minute eingewechselt – und das sogar noch vor einem arrivierten Stürmer-Kollegen wie Charisteas. Hut ab, ich leiste nicht nur in Gedanken Abbitte.

In Kaiserslautern spielten Änis Ben-Hatira (Duisburg) und Sidney Sam gegeneinander, Sam erzielte beim 4:1-Erfolg sogar das 2:0 und machte den weitaus stärkeren Eindruck. Wie es scheint, ist er in dieser Saison glänzend aus den Startlöchern gekommen und steht (eventuell) vor einem großen Jahr. Bei Ben-Hatira bin ich mir nach diesem Auftritt in der Pfalz nicht mehr ganz so sicher, denn der gute Änis (ich bin, das gebe ich zu, von seinen Fähigkeiten total überzeugt) dribbelte und dribbelte und dribbelte, schien dabei aber mehr als einmal leicht die Orientierung verloren zu haben. Schade. Ich hoffe nicht, dass er sein ganz sicher großes Talent so einfach verschleudert.

Und noch ein Wort zu Jerome Boateng: Er schied ja gegen Stuttgart zur Pause mit Oberschenkel-Problemen aus, aber dennoch rechnet Labbadia mit ihm zum Europa-League-Gruppenspiel am Donnerstag bei Rapid Wien. Boatengs Einsatz ist auch dringend notwendig, denn, so sagt Labbadia, dem HSV gehen auch so langsam die Abwehrspieler aus: „Als Guy Demel zur Pause für Jerome Boateng kam, gab es keinen anderen Abwehrspieler mehr, das ist keine schöne Situation.“ Collin Benjamin fehlt natürlich, und Marcell Jansen ebenfalls. Wann wieder mit dem Nationalspieler zu rechnen ist? Labbadia zuckte auf diese Frage nur mit den Schultern. Und: Ist Jansen erst wieder da, hat er auch noch jede Menge Trainingsrückstand aufzuholen. Das dauert noch Wochen. Und daran ist zu sehen: Es kneift eben nicht nur im viel diskutierten Angriff, sondern nach dem so bitteren Kreuzbandriss von Benjamin auch noch in der Defensive. Die Gesamt-Situation ist nicht zu unterschätzen.