Tagesarchiv für den 13. September 2009

Nähkästchen Kober

13. September 2009

Wer gelegentlich auf die Matz-ab-Kommentare unter dem Thema „Autor“ nachsieht, der wird dabei einen „Master of Grätsche“ entdeckt haben. Und wer verbirgt sich dahinter? Natürlich, die eingefleischten HSV-Fans werden es sofort wissen: Carsten Kober. Der Meister der Grätsche hat persönlich geschrieben – und dabei auch bei mir ein Rätsel hinterlassen. Weil er mit dem Satz endete: „Der, der keinen Freund in der Mannschaft hat.“ Erst ein Anruf bei Kober, der 223 Bundesliga-Spiele für die Rothosen absolviert hat (ein Tor!), klärte mich auf, wie er das gemeint hat.

Und diese Geschichte, die zur Ausgabe „Aus dem Nähkästchen geplaudert“ gehört, werde ich Euch jetzt schreiben:

Carsten Kober war als Profi – für mich als Schreiberling – stets eine ehrliche Haut. Gelegentlich kam er zu mir und sagte leise, so dass es niemand hören konnte: „Dieter, du hast mich zu gut beurteilt, ich fand mich schlechter.“ Meine Antwort: „Carsten, nimm es so hin, das gleicht sich innerhalb einer Saison immer wieder aus, irgendwann sehe ich Dich schlechter – und Du hast Dich gut gefühlt.“

So weit, so gut. Eines Tages, zu Trainingsbeginn, stand ich morgens in Ochsenzoll und wartete auf die aus der Kabine kommenden Profis. Als Kober mich sah, kam er mit dem gestreckten Zeigefinger auf mich zu und sagte: „Damit Du Bescheid weißt, ich werde nie wieder ein Wort mit Dir reden.“ Meine Antwort: „Okay, das akzeptiere ich, aber wenn Du das so willst, dann sage ich Dir auch, dass auch ich nie wieder mit Dir reden werde. Auch ich schalte jetzt ab. Und Ende.“

Das hielten wir eisern durch. Eineinhalb Jahre. Bis es am 10. Juli 1994 (sorry!)  ein Intertoto-Cup-Spiel in Budweis gab. Der HSV verlor 1:2, mit dem Bus ging es zurück bis zum Flughafen Salzburg. Dort verteilte, wie immer, Kult-Masseur Hermann Rieger die Sitzplatzkarten für den kleinen Charter-Jet. Herman the german wusste, dass Kober und Matz kein Wort miteinander sprachen – und setzte sie nebeneinander. Ich saß am Fenster, Kober am Gang. Ich sah cirka eine Stunde aus dem Fenster – und schwieg. Bis sich der Grätscher mit seinem Kopf in Richtung meines Fenster begab und sagte: „Was gibt es da eigentlich so lange zu sehen?“ Meine Antwort: „Ach was, reden wir jetzt wieder miteinander?“ Kober: „Ja.“ Und dann war wieder alles gut, die Sache wurde aus der Welt gebracht – ohne allerdings in die Tiefe zu gehen. Ich erfuhr nicht, warum er vor eineinhalb Jahren so mir nichts dir nichts das Reden mit mir eingestellt hatte.

Das ergab sich erst 14 Jahre später. Ich wurde 60 Jahre alt, meine Kinder hatten mehrere HSV-Profis von damals zur Feier in der Raute eingeladen, darunter auch Carsten Kober. Er schenkte mir einen Bilderrahmen, in dem ein Artikel eingeklebt war. Ich nahm das Geschenk entgegen, war an diesem Abend aber viel zu beschäftigt, als dass ich hätte lesen können, was da geschrieben stand. Das geschah erst am nächsten Tag.

Es war ein Artikel eines Kollegen namens Bernd A. Den gab es wirklich. Und dieser Kollege, der eigentlich überhaupt nichts mit dem HSV zu tun hatte, hatte in einer kleinen Zeitung im nördlichsten Bundesland einen fürchterlichen Verriss über Carsten Kober geschrieben. Kober wurde praktisch vernichtet. Und dachte damals, ich hätte diesen Artikel unter falschem Namen geschrieben. Wahnsinn. Hätte ich diesen Artikel verfasst, hätte ich mit einer Klage von Carsten Kober gerechnet – oder mit einer Ohrfeige. Und was machte er? Der Master of Grätsche“ schwieg mich fortan an.

Am Tag nach der Feier rief ich bei Kober an: „Das also war der Grund, warum Du nicht mehr mit mir gesprochen hast? Das ist ja unfassbar! Dieser Artikel ist nicht von mir, diesen Herrn Bernd A. gibt es tatsächlich, und er hat das alles auch geschrieben.“ Kober war wieder sprachlos, aber diesmal zum Glück nur für einige Sekunden. Dann begriff er die Situation: Alles war für die Katz, unser Streit war sinnlos, das große Schweigen beruhte auf einem Missverständnis.

Weil in dem Verriss über Kober auch der Satz: „Der, der keinen Freund in der Mannschaft hat“ stand, hat er ihn nun, im September 2009, noch einmal wiederholt. Um einen Gag an den Mann zu bringen.

Heute können wir darüber lachen, damals waren wir beide doch schon sehr vergrätzt. Aber das ist ja zum Glück der Schnee von gestern, jetzt liest Carsten Kober sogar „Matz ab“ und steuerte auch schon eine kleine Anekdote bei: „Weißt Du eigentlich, dass Josip Skoblar der Trauzeuge von Mladen Pralija war? Und zwar bevor der Torwart zum HSV gekommen ist.“ Ich hatte es nicht gewusst, aber es rundet mein Bild von beiden Herren sehr gut ab.

Ich wünsche Euch einen guten Start in die Woche.

Integrationsprobleme

13. September 2009

Ich hatte einen Traum. Nach dem 3:1-Sieg über das Ländle. Diesen Traum verrate ich auch: Mir ging durch den Kopf, dass alle HSV-Fans, wirklich alle, in den kommenden Wochen die Leistungen, die Marcus Berg bringt, so akzeptieren, dass sie auch dann nicht pfeifen, wenn es mal nicht so klappen sollte, wie erhofft. Nicht dass Berg im Stuttgart-Spiel schon ausgepfiffen worden wäre, das nicht, aber es könnte ja durchaus noch kommen. Wenn dann aber einem großen Talent Mut gemacht werden würde, statt es mit Pfiffen zu zermürben, dann könnte sich ein kleines Mauerblümchen ja doch noch zu einer gewaltigen Pflanze entwickeln – um es mal durch die Blume zu sagen.

Dass Marcus Berg etwas kann, hat doch jeder schon in seinen ersten Kurz-Auftritten gesehen. Diesmal wusste der 23-jährige Stürmer aber, dass jeder HSV-Fan von der ersten Minute an ganz genau auf ihn blicken würde. Motto: Kann der Berg den verletzten Paolo Guerrero tatsächlich ersetzen?

Noch nicht, lautet mein Urteil nach diesem Spiel, aber dieses noch nicht hat nichts zu sagen. Berg kann Fußball spielen, er wird es noch allen zeigen, er kann Tore schießen, auch das wird er noch ganz sicher zeigen – aber einen Paolo Guerrero nahtlos zu ersetzen, das ist doch kein Kinderspiel. Der Peruaner war in der Form seines Lebens, er war der beste Guerrero, seit er beim FC Bayern in der Bundesliga debütiert hat. Berg braucht seine Zeit, er braucht auch das einige Erfolgserlebnisse, um seinen Kontostand ein Sachen Selbstvertrauen zu erhöhen, und er muss wohl auch in der Kategorie Fitness noch den einen oder anderen Prozentpunkt zulegen. Das weiß auch Trainer Bruno Labbadia, der Marcus Berg fast durchspielen ließ – eine großartige Maßnahme. Es wäre sicher leicht gewesen, den Schweden Mitte der zweiten Halbzeit vom Rasen zu nehmen, aber Labbadia weiß doch, dass seinem Stürmer jede Spielminute zu gute kommt.

Dass es jetzt doch schon die ersten Rufe nach einem neuen Stürmer gibt, halte ich für verfrüht. In meinen Augen ist das Wahnsinn, trotz der Dreifach-Belastung, die auf den HSV zukommen wird. Klub-Boss Bernd Hoffmann schloss ja auch einen (Not-)Einkauf nicht aus, kündigte interne Beratungen darüber an, aber diese Maßnahme würde doch nur fruchten, wenn es eine Soforthilfe gäbe. Gibt es die aber auf dem Markt der vertraglosen Spieler? Ich habe meine Zweifel. Und: Dann schafft endgültig die „Geldvernichtungsmaschine“ ab, lasst die HSV-Zweite in die Niederungen des Hamburger Amateurfußballs absteigen und gebt bitte keinen einzigen Cent mehr für die Nachwuchspflege aus. Dann braucht der HSV keinen Tolgay Arslan (geändert, die Redaktion) aus Dortmund, keinen Juniorennationalspieler wie Tunay Torun aus der Türkei, dann wird, je nach Not, eben ein (zweitklassiger) Stürmer von der Stange – sprich Warteliste – gekauft, und fertig.

Übrigens: Ein ähnliches Integrationsproblem wie Marcus Berg sehe ich auch noch David Rozehnal. Der Tscheche hatte gegen Stuttgart den einen oder anderen „Klops“ in seinem Spiel, aber, das bitte ich zu beachten, er ist immer noch neu beim HSV, neu in der Bundesliga. Der Innenverteidiger (fast 60 Länderspiele schafft man doch nicht als Blender) muss sich doch auch erst richtig akklimatisieren. Bei dem einen Spieler geht das schneller, bei dem anderen, und dazu gehört wohl auch er, dauert es eben.

Das Gegenteil von Rozehnal ist Eljero Elia. Der ging ja gleich ab wie eine Rakete. Gegen Stuttgart hatte ich allerdings das Gefühl, dass das noch nicht alle Mitspieler mitbekommen haben. Elia wurde (noch) viel zu wenig angespielt. Hatte er den Ball, wurde es stets gefährlich für den VfB. Für mich war aber darüber hinaus auch toll zu sehen, wie ein so offensivstarker Mann auch nach hinten denkt und arbeitet. Das ist nicht normal, aber Elia kann es. Oder, wie er sagt, er hat es hier in Hamburg schnell gelernt, weil er mit Bruno Labbadia einen ausgezeichneten Lehrmeister hat. Man kann heute im modernen Fußball nicht mehr nur vorne stehen und auf den Ball warten, und das hat Eljero Elia schon prima für sich verinnerlicht. Manche lernen das nie, und bei manchen geht das eben blitzschnell. Kompliment.

Ein Satz noch zu Dennis Aogo: Das erste Bundesliga-Spiel dieser Saison, das 1:1 in Freiburg, setzte er schon in den Sand, diesmal war er ähnlich schwach. Aber, und das gebe ich allen zu bedenken, der junge Mann ist erst 22 Jahre alt, und da sollte jeder, ob Fan, Trainer oder Mitspieler, auch mal ein wenig nachsichtig reagieren, wenn es Tage gibt, an denen es nicht so richtig laufen will. Aogo war doch schon bärenstark in dieser Saison. Und: Wir alle, so glaube ich, waren uns doch einig darüber, dass Dennis Aogo ein großes Talent ist, der noch viel erreichen kann in seiner Karriere – oder?

Und wie war das noch vor Wochen bei Mladen Petric? Da gab es schon auch schon etliche negative Stimmen. Und nun? Nun legt Petric ein solches Super-Spiel hin! Und das nur zwei Tage nach einem demoralisierenden 1:5 mit Kroatien gegen England. Petric war wie entfesselt, gerade so, als wüsste er genau, dass ihn der HSV dringender denn je benötigt. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich den Torjäger noch nie so spiel-, lauf- und einsatzfreudig gesehen habe, wie gegen die Stuttgarter. Hat Labbadia etwas in Petric wach gekitzelt, was bislang im Verborgenen lag?

Wenn ja, hätte ich noch eine etwas andere Bitte an den Coach: Beim Spiel Dortmund gegen die Bayern konnte jeder sehen, wie wichtig gute Freistöße sind. Nicht nur die, die direkt auf das Tor geschossen werden können, sondern auch die, die von den Außenpositionen zur Mitte gegeben werden. Mein Gefühl sagt mir, dass der HSV in diesem Punkt noch zulegen könnte. Und das auch noch viel besser üben und damit perfektionieren könnte. Ich denke da immer an Christoph Daum (den ich alles andere als schätze, ich gebe es zu!). Der hatte aber bei seiner ersten Trainer-Station einen Eckball-Trick mit dem 1. FC Köln einstudiert, der zu vielen Toren führte. Der Ball wurde dabei auf den kurzen Pfosten gespielt und von einem (langen) Kölner per Kopf auf den zweiten Pfosten verlängert – und Tor. Das klappte wie verrückt. Muss aber natürlich immer wieder eisern trainiert werden. Oder besser, es müsste eisern trainiert werden.

Aber vielleicht überrascht Bruno Labbadia ja auch damit schon bald ganz Hamburg.