Tagesarchiv für den 12. September 2009

Spektakel machen Appetit

12. September 2009

Ein Freund klopfte mir nach dem Spiel gegen Stuttgart auf die Schulter und meinte: „Dieter, dieser HSV sorgt echt immer für ein Spektakel, oder?“ Was sollte ich antworten – außer: Ja. Er hat Recht. Auch gegen die Schwaben zeigten sich Bruno Labbadias Männer wieder von ihrer Schokoladenseite.

Nach dem anfänglichen Abtasten, das auch aufgrund der Sturmneuordnung etwas länger als sonst ausfiel, kamen Brunos Ballermänner – entschuldigt diese Bezeichnung, aber diese offensiv ausgerichteten Rothosen sind wirklich außergewöhnlich torhungrig und Abschluss-orientiert – immer besser in Fahrt. Auch wenn man dem Sturmduo Petric/Berg noch die eine oder andere Abstimmungsschwierigkeit anmerkte, vor allem bei Laufwegen im Zentrum (das erinnerte einige Male an Synchronschwimmen, wurde aber von Minute zu Minute besser), so war die Spielrichtung immer gleich: Abmarsch gen VfB-Tor.

Und einen Hamburger Profi wird sich Stuttgarts Trainer Markus Babbel, der seit seiner Spielerzeit beim HSV übrigens ein Teil seines Herzens an die Hansestadt verloren hat, schon jetzt mit drei Ausrufezeichen für das Rückspiel in seinen Notizblock geschrieben haben: Eljero Elia. Der Mann mit der Nummer elf war wieder einmal alleine das Eintrittsgeld wert. Hier ein Haken, da ein Trick, mal ein Pass per Hacke. Das perlt. Und als sich Mladen Petric dann auch noch in Guerrero-Manier einige Male ins Mittelfeld zurückfallen ließ, um mit Anlauf in die Gefahrenzone vorzustoßen, da waren die Stuttgarter Defensivspieler komplett überfordert. Petrics Führungstor nach einem Doppelpass mit Elia über 15 Meter Distanz war eine Augenweide und hätte eigentlich einen Platz in der Prime Time verdient gehabt. Elias Tor zum 2:0 nach der Pause war natürlich nicht weniger sehenswert.

Natürlich hatte auch der VfB ein paar bessere Phasen. In der ersten Halbzeit boten die Schwaben dem HSV etwas mehr als zehn Minuten lang die Stirn. Das lag auch und vor allem an Dennis Aogo, der links hinten in der Viererkette des Labbadia-Teams ganz schwer ins Spiel fand und manch Stellungs- und Abwehrfehler offenbarte. Und auch im Strafraum hatten die eindreiviertel VfB-Stürmer (Progrebnyak, Hleb) meines Erachtens einige Male etwas zu viel Raum, was sich glücklicherweise aber rasch änderte.

Dieter Schatzschneider, den ich vor dem Spiel kurz auf dem Parkplatz gesehen habe, dürfte mit der Zunge geschnalzt haben, als er die Hamburger Offensivbemühungen auch nach dem Seitenwechsel von der Tribüne aus sah. Schnelle Positionswechsel reihten sich aneinander mit variabel vorgetragenen Angriffsszenarien. Dass dabei manch „letzter Ball“ im Strafraum oder kurz davor noch im Niemandsland landete, schreibe ich auch den Eingewöhnungsschwierigkeiten zu, die das neue Sturmduo nun mal mit sicht bringt. Ich habe ja schon in meinem letzten Kommentar gesagt: Geduld ist gefragt.

Über den Annschlusstreffer der Stuttgarter sollten wir den Mantel des Schweigens decken. Fast hätte dieses 2:1 den Schwaben entscheidenden Aufwind für den Endspurt gegeben. Aber nur fast.

Das i-Tüpfelchen einer insgesamt ansprechenden Leistung des HSV war natürlich das 3:1. Ze Roberto krönte mit seinem Tor nicht nur seinen guten Auftritt, sondern eröffnete damit die Tabellenführer-Feierstunden in Kreisen der Fans.

Ich muss gestehen, dass ich nun wirklich Appetit bekommen habe. Vielleicht sogar Heißhunger. Von derartig spektakulären Spielen mit überragenden Auftritten von Spielern wie David Jarolim, Ze Roberto und Mladen Petric, die allesamt eine glatte Eins mit Sternchen von mir bekommen hätten, kann ich gut und gerne noch ein paar Dutzend sehen. Dann verzeihe ich es auch Nationalspielern wie Thomas Hitzlsperger und Cacau, dass sie derartig grottenschlechte Leistungen abliefern – und das vor dem WM-Jahr 2010. Noch erträglicher ist es, wenn neben dem Spektakel noch etwas Wichtiges herausspringt: Punkte. Die fünf Zähler Vorsprung vor den Bayern sind zwar nur eine Momentaufnahme, keine Frage, aber wir leben ja im Hier und Jetzt, also dürfen sie auch mal genossen werden. Genießt also den Rest dieses tollen Wochenendes, an dem es ja auch noch ein kleines Jubiläum zu feiern gibt. Vor neun Jahren wurde im Volkspark das „Jahrhundertspiel“ HSV – Juventus Turin (4:4) in der Champions League gespielt. Das war sogar noch eine Steigerung spektakulärer Fußballkunst. Das war der Hammer.

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