Tagesarchiv für den 11. September 2009

Welche Stürmer passen zusammen?

11. September 2009

Mit dem Anpfiff des Spiels gegen den VfB Stuttgart endet die „Horror“-Woche hoffentlich für den HSV. Es ist schon bitter, wie sehr so ein Verletzungspech mit den Kreuzbandrissen von Collin Benjamin und Paolo Guerrero auf das Gemüt der Fans drückt. Auch beim Abschlusstraining neben der Nordbank-Arena war dieser kleine Schockzustand deutlich zu spüren. Fast 150 Leute waren da und tuschelten anfangs. Ich hörte Sätze wie „Hoffentlich endet der Höhenflug jetzt nicht“ und „Was machen wir nur, wenn jetzt noch einer ausfällt?!“

Bruno Labbadia, der in den vergangenen Tagen ja häufiger schon die Macht des Publikums erwähnt hat, gab eine passende Antwort: Er nahm den bangenden Fans die Angst und bereitete auch seinen Jungs jede Menge Spaß, indem er verschiedene Wettkampfspiele (Kopfbälle, Volleyschüsse) absolvieren ließ. Da sprang der Funken über. Und als der Trainer sein neues Sturmduo Mladen Petric/Markus Berg erstmals gemeinsam in einer Torabschlussübung auf den Rasen beorderte, waren die Negativgedanken bei sämtlichen Beteiligten verflogen. Bei Tomas Rincons Traumtor per Lupfer gab es sogar Szenenapplaus – von Zuschauern und Spielern.

Apropos Rincon. Der Venezolaner kam ja als „Versuchskaninchen“ aus Südamerika nach Hamburg, um sich hier bis zum Jahresende möglicherweise zu empfehlen. Seither spielte der Mittelfeldmann selten bis gar nicht, aber im Training steckt er trotzdem nicht auf. Er wartet auf seine Chance, lässt sich nicht hängen und macht fußballerisch und auch psychisch einen stabilen Eindruck. Wenn es darauf ankommt, wird Rincon da sein, da bin ich mir sicher. Da es zum ganz großen Sprung in die Stammelf nicht reichen dürfte, sollten sich andere Vereine schon jetzt mal nach dem Nationalspieler erkundigen und ihn im Training beobachten. In der Bundesliga könnte er bestimmt Fuß fassen.

Eine kleine Schrecksekunde gab es beim Training übrigens doch noch. Die eine Hälfte der Mannschaft übte Standards, die andere Torschüsse. Und wer fehlte plötzlich? Ze Roberto. Der dehnte sich auf der anderen Seite des Trainingsgeländes – ganz alleine. „Der nicht doch auch noch, oder?“, raunten ein paar Kiebitze, doch bevor sich eine neue Sorgenwelle niederschlagen konnte, beendete Labbadia die Einheit, Ze Roberto gab Entwarnung. Reine Vorsichtsmaßnahme. Aus diesem Grund verzichtete der Coach auch auf ein Abschlussspiel.

Wem angesichts der aktuellen Verletzungen übrigens immer noch angst und bange ist, weil er Tunay Torun und Tolgay Arslan für die einzigen Angriffsalternativen hält, dem sei gesagt, dass Bruno Labbadia mit Sicherheit mehrere Lösungsvarianten für eventuelle Probleme parat hat. Denkbar sind auch Sturmreihen mit Jonathan Pitroipa (hat er ja schon gespielt) oder mit Eljero Elia.

Da würde mich auch Eure Meinung mal interessieren: Wer passt zusammen, wer eher nicht? Ich freue mich schon auf Bergs Premiere gegen Stuttgart. Und danach – da habe ich ein recht gutes Gefühl – ist der HSV in Sachen Verletzungsgedanken erst einmal übern Berg…

Zum Abschluss noch zwei Gewinner: Lars Wenk hat die zwei Eintrittskarten gewonnen, Anja Pitschmann bekommt das Trikot von Dennis Aogo. Als ich sie anrief um die Übergabe zu vereinbaren und ein „Beweis“-Foto zu schießen, fragte sie mich, ob ich Zeit hätte. Ich: „Warum?“ Sie: „Weil ich in Berlin wohne!“ Na, dann müssen wir uns mit dem Foto noch etwas gedulden. Trotzdem: Herzlichen Glückwunsch!

Piotr

11. September 2009

Als er am Nachmittag zum Training kam, wirkte er bestens gelaunt. Und als ich ihm zum Jubiläum gratulierte, lächelte Piotr Trochowski sogar ganz entspannt. 25 Länderspiele hat der HSV-Dribbelkünstler nun bereits auf dem „Buckel“, eine stolze Zahl. Was mich bei seinem Einsatz gegen Aserbaidschan aber geärgert hat: Trochowski kam viel zu spät. Schon während der grottenschlechten ersten Halbzeit, in der ich mehrfach in größter Versuchung war, den Fernseher auszuschalten, hätte Bundestrainer Joachim Löw schon den netten Blonden aus Bayern auswechseln müssen. Ich wiederhole: müssen! Was Bastian Schweinsteiger gespielt hat, hätte Trochowski noch mit einer Zerrung im Oberschenkel und einem Krampf in der Wade des anderen Beines gespielt. Unglaublich, warum „Schweini“ nicht eher raus „durfte“, denn bis zur 67. Minute ließ ihn Löw das 70. Länderspiel genießen, ohne dass er daran mitgewirkt hätte. Was so ganz nebenbei auf den einen oder anderen Nebenmann auch zutraf. Wie schlecht die Herren wieder einmal gespielt haben, war für mich unfassbar. Man glaubt es ja vorher nie, dass es tatsächlich doch noch so finster geht. Aber es geht. Zum Glück waren sie nachher alle ziemlich bis sehr selbstkritisch.

Zurück zu Trochowski. Der schoss während seiner 23 Minuten, die er auf dem Rasen war, öfter auf das gegnerische Tor, als Gomez, Özil und Schweinsteiger zusammen. Wobei es der Hamburger natürlich auch wissen wollte, er ließ es krachen – und in der Strafraummitte kräuselten sich bei Michael Ballack einige Male die Nackenhaare. Der Wahl-Londoner konnte es, wenn ich seine zornigen Blicke richtig deute, gar nicht so gut ab, dass „Troche“ den Hammer herausholte. Aber er muss wohl damit leben, oder? Vielleicht verpetzt Ballack Trochowski ja auch noch beim Bundes-Jogi, dass er doch das eine oder andere Mal hätte abspielen müssen? Wer weiß?

Dramatisch ist die Situation um Paolo Guerrero, der gerade so super drauf war. Und nun so etwas. Bis zu acht Monaten Pause! Ein Jammer. Und viel, viel Pech für ihn und den HSV. Ihr habt es ja selbst schon vorgerechnet, der wievielte Kreuzbandriss das jetzt schon in dieser Saison für einen HSV-Spieler ist. Für Euch und auch für mich unfassbar. Eine Folge der ständigen Überbelastung? Darauf wusste auch Bruno Labbadia keine Antwort. Immerhin rechnete er vor, dass zum Beispiel Joris Mathijsen bereits 13 Spiele in dieser Saison absolviert hat. 13! Dabei sind einige Bundesliga-Vereine gerade mal bei sechs, sieben oder acht. Der HSV-Coach aber will auch gar nicht dagegen angehen, er ergibt sich – wie alle anderen Trainer – in sein Schicksal: „Es ist ja so, wie es ist, wir werden es nicht ändern können.“ Wahnsinn: Beim nächsten WM-Qualifikations-Doppelspieltag sind die Niederländer spielfrei, schon jetzt aber steht fest, dass sie dann ein Freundschaftsspiel in Australien werden austragen müssen. Allein die Reisestrapazen sind ungeheuerlich, dazu die Zeitumstellung und das Spiel – da kann kein abstellender Verein wirklich glücklich sein.

Und ohne Guerrero wird es nun eine sehr unangenehme Spielzeit für den HSV, denn: Wird wieder so lange auf drei Hochzeiten getanzt (wie letzte Saison), dann wird jeder Stürmer händeringend benötigt. Neben Mladen Petric und Marcus Berg sind da auch die jungen Spieler gefragt: Tunay Torun (19) und Tolgay Arslan (19). Bruno Labbadia ist davor offenbar nicht bange, er erwartet von den Talenten noch eine Menge – er selbst kann als ehemaliger Bundesliga-Torjäger die besten Tipps geben. Dass mit Änis Ben-Hatira und Eric-Maxim Choupo-Moting zwei Nachwuchs-Offensivkräfte kürzlich noch ausgeliehen wurden, stört Labbadia überhaupt nicht, im Gegenteil. Für ihn gibt es in dieser Hinsicht kein langes und lautes Jammern. Ich habe den Eindruck, dass Bruno Labbadia davon überzeugt ist, alles richtig gemacht zu haben – und ich schließe mich, wenn es so sein sollte, zu 100 Prozent und vorbehaltlos an.

Aus Eurem Kreis kamen ja schon einige Anfragen zu Arslan, ob er ihn schaffen könnte, den Sprung zu den Profis. Ich sah Arslan in dieser Woche beim Training und war erfreut über seine Verfassung. Dem ehemaligen Dortmunder, zuletzt leicht angeschlagen, war am Mittwoch, im Spiel „Rest Profis“ gegen Rodolfo Cardosos „Zweite“ nichts mehr anzumerken, er spielte sehr gut mit – und erzielte beim 3:2-Sieg der Profis zwei Tore (einmal traf Ze Roberto). Nur eine Momentaufnahme, aber immerhin eine gute.

Und zu Torun: Der Bursche hat durchaus Veranlagung. Jetzt bitte nicht lachen wenn ich sage: Mich erinnert er beim Training gelegentlich an den jungen Uwe Seeler. Nicht von der Explosivität, nicht von der Treffsicherheit vor dem Tor, die einst „Uns Uwe“ auszeichnete, sondern von der Statur her. Torun ist klein, schnell, bullig, kernig, sucht oft den Weg zum Tor mit dem Kopf durch die Wand. Wenn er sich nicht ständig selbst enorm unter Druck setzen würde, weil er es jedem sofort und eindrucksvoll zeigen will, wie gut er in Wirklichkeit ist, dann könnte er wesentlich besser spielen, als er das bisher unter Beweis stellen konnte. Ich glaube, dass der HSV an Tunay Torun (wie an Tolgay Arslan auch) noch viel Freude haben wird. Wie gesagt: ich glaube, nicht ich weiß.
Ob einer dieser beiden Talente aber einmal zu gut wird, wie Ze Roberto heute ist? Das wage ich doch zu bezweifeln. Ich möchte allen, die den Brasilianer bislang nur aus der Entfernung (oder am Fernseher) betrachten konnten, den Rat geben, zum Training an die Nordbank-Arena zu kommen. Dort kann man den „großen Ze“ aus der Nähe ansehen und bestaunen, es ist unglaublich, mit welcher Gewandtheit, mit welcher Leichtigkeit Ze Roberto mit dem Spielgerät umgeht, wie schnell er ist, wie geschmeidig immer noch. Er ist in jeder Hinsicht ein Vorbild für jeden Spieler. Und sehenswert!

Und schnell noch ein Satz zu Marcell Jansen: Er ist ja wieder verletzt, diesmal hat es ihn am Mittwoch am Knie erwischt. Wie lange die Pause diesmal dauert, weiß so wirklich keiner. Der junge arme Mann kommt gesundheitlich einfach nicht auf die Füße, es ist höchst bedauerlich. Und er bleibt ein großes, nein, ein riesiges Fragezeichen. Ob es Jansen jemals schaffen wird, eine ganze Saison verletzungsfrei zu absolvieren? Auch da habe ich ganz große Zweifel.

Viel Pech auf jeden Fall für den HSV. Abschließender Kommentar von Bruno Labbadia: „Das war nicht unsere Woche.“ Und das trotz der Tatsache, dass die Raute immer noch auf Platz eins steht.