Tagesarchiv für den 10. September 2009

Jerome Boateng

10. September 2009

Vor Wochen hatte ich an dieser Stelle, bei „Matz ab“, davon geschrieben, dass Jerome Boateng in die A-Nationalmannschaft befördert werden müsste. Nun steht es offenbar unmittelbar bevor, denn: Bundestrainer Joachim Löw erklärt in der neuesten Ausgabe der Sport-Bild: „Es ist unsere Aufgabe, ihn noch in diesem Jahr näher an die A-Nationalmannschaft heranzuführen.“ Na bitte, es geht doch. Vielleicht ein wenig zu spät, aber immerhin, besser spät als nie. Löw erklärt die Verspätung damit, dass Boateng mit der U-21-Nationalmannschaft das schwere Spiel gegen Tschechien (1:2) zu absolvieren hatte. Das aber ist nun ja Geschichte, demnach steht dem Aufstieg Boatengs nichts, fast nichts mehr entgegen.

Er hat es sich verdient. 2007 kam er aus Berlin, nachdem er zehn Bundesliga-Spiele für Hertha BSC absolviert hatte. Auch auf die Gefahr hin, dass ich wieder einmal Reklame für meinen „Helden Dietmar Beiersdorfer“ (und seine Heiligsprechung) mache, muss ich es schreiben: Der Didi hat ihn nach Hamburg geholt – und damit einmal mehr Weitblick bewiesen. Und in Berlin, wo damals noch Dieter Hoeneß das Zepter schwang, hatten sie seinerzeit schon keinen Durchblick.

Wobei das auch leicht in Hamburg hätte passieren können, denn Jerome Boateng (21) stand in der vergangenen Saison eher im zweiten Glied, weil Trainer Martin Jol im Gegensatz zu seinem Vorgänger Huub Stevens nicht so sehr auf Boateng „stand“. Bei Stevens hatte der Abwehrspieler, der es nun schon auf 17 U-19-Länderspiele und 15 U-21-Einsätze für Deutschland bringt, immerhin 27 Erstliga-Partien bestritten, unter Jol zuletzt nur 21 – oft von der Bank kommend. Deshalb wollte Jerome Boateng, auch Kapitän der DFB-U-21, eigentlich schon weg aus Hamburg, doch mit dem Wechsel Jols zu Ajax Amsterdam legte er diese Gedanken schnell wieder zu den Akten.

Martin Jol war Boateng zu introvertiert, zu leise, zu pomadig, zu behäbig, ein wenig zu temperamentlos. In der Tat gehört Jerome Boateng nicht gerade zu den Lautsprechern in Hamburg, aber die älteren HSV-Fans werden sich erinnern: Manfred Kaltz galt über viele Jahre auch als der größte Schweiger unter Deutschlands Profi-Fußballern, und trotzdem hat er eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Vor einer solchen steht nun – offenbar – auch Jerome Boateng. Der ganz offenbar aber – nicht zuletzt durch den Gewinn der U-21-Europameisterschaft im Sommer – deutlich an Selbstvertrauen gewonnen hat. Das ist im Training zu sehen, wenn er lauter wird, wenn er dirigiert, wenn er motiviert. Hamburg und der HSV können sich jedenfalls auf seinen nächsten Nationalspieler freuen.

Dann sei mir noch ein kleiner Rückblick (oder Rückblicke) auf die Fehleinkäufe gestattet. Da tauchte, neben anderen, auch der Name Joe Simunic auf. Der wurde als Spieler in Melbourne, das muss ich sagen, nicht durch die Scouting-Abteilung des HSV entdeckt, sondern vom damaligen Vorstandsmitglied Harry Bähre. Der machte gerade Urlaub in Australien, sah Simunic und empfahl ihn nach Hamburg. Dass der Abwehrspieler hier nie eine tragende Rolle spielte, lag an seine vielen Verletzungen. Heute, so behaupte ich, ist er einer der besten Abwehrspieler der Bundesliga. Und: Sein Wechsel von Hertha BSC nach Hoffenheim ist der größte Verlust der Berliner in diesem Jahr, noch größer als Pantelic und Woronin. Übrigens: Was Simunic am Ball kann, ist einfach überragend. Wer ihn jemals mit dem Ball jonglieren sah, der wird zugeben müssen, dass er von diesen Fähigkeiten total überrascht war. Simunic hätte im Theater auftreten können.

Perplex war ich auch, wie schnell „HSV-Jan“ die Frage nach Blau-Weiß 90 Berlin geklärt hat – Kompliment, großes und dickes sogar!

Dann noch eine Ergänzung zum Schmunzeln in Sachen Mladen Pralija. Mich rief ein Freund der Nationalmannschaft (und des HSV) aus dem Westen der Republik an und erzählte folgende Geschichte: Er war mit seinem damals fünfjährigen Knaben Marten am Bökelberg, beide „Männer“ natürlich in HSV-Klamotten. Der HSV führte 1:0, ging dann aber unter – 2:8. Der Sohn weinte beim Verlassen des Stadions, er weinte nicht nur, er heulte und schluchzte. Im Auto sagte er dann dem Papa: „Wir können uns das Spiel ja noch einmal in der Sportschau ansehen, vielleicht stimmt das 2:8 ja gar nicht!?“

Bald darauf gastierte der HSV dann in Uerdingen – wieder im Westen also. Papa Peter fragte den Sohnemann: „Marten, wollen wir zum HSV-Spiel nach Uerdingen?“ Antwort des Knirpses: „Nein, ich werde mir nie wieder ein Spiel des HSV ansehen, denn ich weiß ja nicht, ob nicht wieder dieser schlimme Torwart im Tor steht.“

Übrigens: Am Sonnabend reisen beide Herren aus dem Westen an, um das Stuttgart-Spiel live in der Arena zu verfolgen. Sie sind, wann immer es die Zeit zulässt, bei ihrem HSV – trotz eines Mladen Pralijas, der Torwart von der traurigen Gestalt.

So, nun zum Abschluss noch ein großes Lob von mir. Das geht diesmal an „nedfuller“, der auf seiner Homepage eine ganz große Arbeit in Sachen Einkäufen (auch Fehl-) abgeliefert hat. Wirklich großartig. Und erstaunlich, welche akribischen Gedanken sich Fans doch um ihren HSV machen. Hut ab – sagt Matz ab.