Tagesarchiv für den 8. September 2009

Die Sache mit Pralija

8. September 2009

Training beim HSV, das ist in diesen Tagen wahrlich keine spannende Sache. Mal sind es vier Feldspieler, die vor fünf Trainern und Betreuern über den Rasen hüpfen, mal sind es acht. Was die Sache nicht unbedingt ansehnlicher macht. Die armen Trainer. Einige engagierte Männer im Amateurfußball kennnen das ja, wenn kaum Leute zu den Einheiten erscheinen, aber am Wochenende wollen sie dann alle spielen. Vielleicht liegt das ja mehr am schlechten Training, so wie es im Moment der französische Nationaltrainer Raymond Domenech durchleben muss. Beim HSV sind die Gründe bekannt: zu viele Nationalspieler. Und das ist auch gut so. Wobei Bruno Labbadia in meinen Augen schon ein kleiner Zauberer sein muss, wenn er erst am Donnerstag alle (?) hoffentlich wieder an Bord hat, und dann bis Sonnabend wieder ein eingespieltes Team präsentieren muss. „Abba“, würde Dragoslav Stepanovic sagen, „so is Lebbe.“

Noch einmal zurück zu den Fehleinkäufen: Natürlich gehören Boubacar Sanogo und Danijel Ljuboja dazu. Und der eine oder andere auch, der von Euch genannt wurde. Viel diskutiert wurde darüber hinaus der Name Mladen Pralija. Ich kann jeden verstehen, der diesen Einkauf nicht verstehen kann. Um Euch einmal zu schildern, wie ich ihn erlebte: Das erste Training des Tormannes, der nicht wusste, dass er im Fußball sehr wohl die Hände benutzen darf, fand in Ochsenzoll auf dem ersten Platz links (hinter der Turnhalle) statt. Ich traute meinen Augen nicht: Mladen Pralija stand im Tor, er wurde von einem Co-Trainer unter Beschuss genommen. Normal. Was aber völlig unnormal war: Jeder zweite Ball, den er zu halten hatte, landete als Abpraller wieder vor den Füßen des Schützen. Der Grund: Pralija wollte jeden noch so hart geschossenen Ball mit seinen Händen, die er cirka zehn Zentimeter vor seiner Brust hielt, fangen und festhalten. Was für eine Technik!? Das hatte hierzulande jeder kleine Jugendkeeper ganz anders gelernt. Und natürlich klappte das bei Pralija nicht, weil es gar nicht klappen konnte. Die Folge von seinen Fehlversuchen: Der Ball flutschte durch seine nach hinten wegknickenden Hände, prallte gegen die Brust und so im hohen Bogen zum Schützen zurück. Das war der Wahnsinn!

Da noch kein Kollege von mir da war, mit dem ich über diese Sache hätte sprechen (und ich gebe zu: lästern) können, flitzte ich zu Jochen Meinke. Der ehemalige Stopper und Kapitän der Meistermannschaft von 1960 war zu jener Zeit Jugendleiter beim HSV. Ihm sagte ich, förmlich übersprudelnd: „Herr Meinke, das sollten Sie sich einmal ansehen, einen solchen Torwart haben Sie noch nie gesehen, ganz sicher nicht. Der hält keinen einzigen Ball fest, was haben die denn da nur für einen Fliegenfänger eingekauft?“

Wie gesagt, das war sein erstes Training! Pralijas erstes Spiel kam ja erst etwas später. Der Auftritt in München. Oh mein Gott! Es war der Horror. Felix Magath, damals Manager und auch ein Freund von mir, sagte in einem Anflug von schierer Verzweiflung: „Was soll ich machen? Josip Skoblar, unser Trainer, kennt Pralija, er wollte ihn unbedingt haben – und was soll ich dagegen haben? Wenn ich Skoblar nicht traue, kann ich mir gleich einen neuen Trainer suchen. . .“ Magath, der Hellseher.

So kam Pralija ins Tor. Nur für kurze Zeit. Er durfte sich vom 8. August 1987 bis zum 7. November 1987 versuchen, dann „erlöste“ ihn der von St. Pauli gekommene Willi Reimann. Wobei ich mein Aha-Erlebnis mit Pralija am 26. September 1987 hatte, beim 2:8-Debakel in Mönchengladbach. Pralija spielte nur bis zur 27. Minute, dann schied er mit einer Kopfverletzung aus, für ihn kam Richard Golz. Ich stand damals in einer Kabine am Millerntor, St. Pauli spielte damals – so glaube ich – gegen Atlas Delmenhorst. Und während dieses Spiels wurde über Lautsprecher laufend der Stand vom Bökelberg verkündet: 1:3, 1:4, 1:5. . . Jedes Mal stand der Kiez-Anhang Kopf, es herrschte Paaadie-Time auf St. Pauli. Und in der Pressekabine, in der ich stand, waren fünf Kollegen, obwohl eigentlich nur zwei, maximal drei hinein passten. Einer von ihnen sagte dann beim 1:5: „Toll, es wäre so stark, wenn der HSV heute mal zehn Dinger kassieren würde.“ Das hörte ein anderer der fünf Kollegen, und am nächsten Montag stand in einer Hamburger Zeitung: „Dieter Matz, Redakteur des Hamburger Abendblattes, sagte beim Stande von 1:5: Toll, es wäre so stark . . .“

Mir fiel das Brötchen aus dem Mund. Was soll ich gesagt haben? Das war sensationell. Ich hatte mich zum HSV gar nicht geäußert, und dann wurde mir das einfach unterstellt – und mir waren sie dann beim HSV prompt auch alle böse. Zum Glück für mich outete sich der wahre „Übeltäter“, so dass diese Sache mit HSV-Präsidium und Mannschaft geklärt werden konnte. Und dennoch hing mir diese Sache noch wochenlang an. So viel zum Kapitel Pralija.

Ein anderes Thema, das aus Eurem Kreis angeregt wurde, werde ich garantiert demnächst aufgreifen – vielen Dank: Gänsehautmomente. Die Partie mit Karsten Bäron und dem MSV Duisburg habe ich natürlich auch noch im Kopf, aber es gibt da einige, die noch zu nennen wären. Passiert, wie gesagt, schon bald in diesem Theater.

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