Tagesarchiv für den 4. September 2009

Profile und Strukturen

4. September 2009

Mit großem Interesse habe ich mir all Eure Beiträge durchgelesen und muss festhalten, dass viele von Euch es wie ich betrachten: Bei der so oft zitierten Sportchef-Suche geht es um mehr als um die Besetzung eines (zweifelsohne wichtigen) Postens in diesem HSV. Es geht um Ausrichtungen und Strukturen, letztere nehmen wahrscheinlich sogar eine weitaus größere Bedeutung ein, als sie bislang in den Medien und auch hier thematisiert wurden.

Auch wenn es einige schon nervt oder in den Schlaf treibt, möchte ich noch einmal auf die Eigenschaften des potenziellen Beiersdorfer-Nachfolgers eingehen. Auch wenn mir hier von mehreren Seiten unterstellt wurde, ich sei ein Hoffmann-Gegner, was ich von mir weise, denke ich auch, dass eine Versachlichung des Themas am sinnvollsten ist.

Wie also müsste das Profil des neuen Sportchefs aussehen? Der Vorstand hat vor einigen Wochen ein entsprechendes Anforderungspapier an den Aufsichtsrat geleitet, in dem sämtliche Punkte detailliert aufgeführt sind. Ich konnte ein paar wesentliche Eckpunkte erfahren, die allerdings auch nicht sonderlich überraschend sind:
Er soll Führungserfahrung besitzen, den Verein gut repräsentieren können, strukturiert arbeiten, kaufmännisches Knowhow besitzen. Er soll den Spielern Disziplin vermitteln, eine Autorität sein, über ein gutes sportliches Netzwerk verfügen und – nicht ganz unwichtig – Verständnis für den Universalsportverein HSV aufbringen. Grundvoraussetzung ist natürlich sportliches Fachwissen.

Was denkt Ihr, welche Fähigkeiten noch dazu kommen müssten. Lasst uns doch einmal gemeinsam eine Art Steckbrief erarbeiten, einen sachlich-fundierten.

Eine entscheidende Frage müsste auch geklärt werden, die ja nach meinem letzten Beitrag viele Reaktionen unterschiedlicher Art hervorgerufen hat: Wie will sich der HSV nach “Didis” Abschied eigentlich ausrichten? Setzt der neue Sportchef weiter auf weltweites Scouting und intensive Nachwuchsförderung? Wird er überhaupt zum Vorstand gehören?

Ich habe gehört, dass es diesbezüglich nach wie vor internen Redebedarf gibt. Da dürfte auch Trainer Bruno Labbadia gefragt sein, dessen Philosophie den Verein nun hoffentlich länger prägen wird als die seiner Vorgänger. Denn eines ist klar: So wichtig ein gutes und vertrauensvolles Arbeitsklima zwischen Vorstandschef und Sportchef auch sein muss, umso wichtiger ist die “gleiche Wellenlänge” zwischen Trainer und Sportchef, denn sonst entstehen schnell erfolgsbremsende weil energieverschwendende Reibungspunkte.

PS: Das Wochenende steht mir ziemlich bevor. Keine Bundesliga, nur ein Testländerspiel der DFB-Elf. Es gibt Unverzichtbareres…

Die Suche und das Nähkästchen

4. September 2009

In aller Ruhe will der HSV den neuen Sportchef suchen. Monate könne es dauern, so Aufsichtsrat-Boss Horst Becker. Das aber ist nur Täuschung. Die Herren Räte gehen jetzt schon ans Werk. Sie fahnden, sichten und verpflichten – eventuell. Das mit den Monaten, das hat der Herr Becker nur gesagt, um Zeit zu gewinnen. Und den Druck vom Aufsichtsrat zu nehmen. Hätte er Tage oder Wochen gesagt, dann hätten sämtliche Medienvertreter dieser Nation täglich nach den Wasserstandsmeldungen gefragt. So aber kann die Suche schnellsten und doch in aller Ruhe beginnen.

Erlaubt bitte noch einen kleinen Schwenk zur Nicht-Wahl des Sportchefs. Viele hatten sich ja Gedanken darüber gemacht, weshalb nicht der letzte verbliebene Kandidat, Roman Grill, nicht zum Beiersdorfer-Nachfolger gewählt worden war, nachdem Oliver Kreuzer abgedankt hatte. Aber das spricht für die Ehre der Räte, dass sie es nicht taten, denn: Bernd Wehmeyer und Oliver Kreuzer sagten nein, wahrscheinlich aber nicht aus ganz freien Stücken. Auf jeden Fall aber so rechtzeitig, dass nur noch Grill übrig war. Die Herren Räte wollten sich aber nicht auf dieses Spielchen einlassen, weil ja auch eventuell Methode dahinter hätte stecken können. Wie gesagt, eventuell. Richtig ist auf jeden Fall, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach eine Mehrheit für Roman Grill gegeben hätte, denn im HSV-Rat sind die meisten von den Qualitäten Grills überzeugt.

Und dennoch dürfte sich das Thema Grill als HSV-Sportchef wohl erledigt haben. ER ist irgendwie verbrannt worden, von wem auch immer. Ich tippe jedenfalls mal so auf 90 Prozent, dass der ehemalige Münchner Bayern-Spieler es nicht mehr wird.

Wobei dieser Posten vielleicht auch ein wenig überschätzt wird. Ich hatte ja schon mal vorgeschlagen: Bernd Hoffmann der Boss, Bernd Wehmeyer seine linke Hand. Dazu Trainer Bruno Labbadia, das könnte doch funktionieren. Es gab ja auch schon manchen HSV-Trainer in früheren (und ganz frühen) Tagen, die diesen Job in Personalunion innehatten. Ich kann mich an Gerd-Volker Schock erinnern – und da bin ich bei einem Abstecher ins Nähkästchen: Schock flog eines Frühjahrs nach Frankreich, ich, der HSV-Reporter, bekam davon Wind, buchte denselben Flieger und traf Schock in Fuhlsbüttel. „Wohin?“ Ich: „Nach Paris.“ Schock: „Ich auch, das passt ja prima. Und dann?“ Ich: „Dann fahre ich mit dir nach Auxerre, um den Spieler Waldemar Matysik unter die Lupe zu nehmen.“ Schock, überhaupt nicht geschockt: „Das passt ja wieder prima, denn dann muss ich ja keinen Leihwagen in Paris nehmen, sondern du – und der HSV spart Geld, dass er eventuell in die Ablösesumme investieren kann.“

Dann flogen wir, danach fuhren wir. Und abends saßen wir in Auxerre hoch oben unter dem Tribünendach an verfolgten ein Erstliga-Spiel in Frankreich. Schock: „Was meinst du? Kann der was? Und wenn ja, was? Was kann er nicht? Und würdest du den nehmen?“ Meine Meinung war gefragt. Ich antwortete: „Ich würde den nehmen, der spielt einen soliden Ball.“

Abends waren Schock und ich bei der Familie Matysik eingeladen. Wir aßen gemeinsam, und ich lernte die gesamte (vierköpfige) Familie kennen, später übernachteten Schock und ich im selben Hotel. Eine wirklich nette und lohnende Dienstreise, denn nach der Verpflichtung des Mittelfeldspielers wurden „Waldi“ und ich gute Freunde. Und schlecht gespielt hat er ja auch eigentlich kaum einmal. Solide eben.

Es blieb aber das einzige Mal, dass ich für den HSV einen Spieler mit aussuchen durfte. Allerdings habe ich in all den Jahren etliche Tipps gegeben, von denen einige wenige sogar nach Hamburg geholt wurden. Sportchef beim HSV ist also gar nicht mal so schwer, wie viele immer meinen. Ein Scherz natürlich.