Monatsarchiv für August 2009

In den Führungsgremien brodelt es

29. August 2009

Das Spiel gegen den 1. FC Köln steht vor der Tür, und nicht wenige HSV-Fans träumen von der nächsten Torshow im Volkspark. Doch vorher gibt es vor allem in einigen Vereinsgremien noch reichlich Rede- und Diskussionsbedarf. Der Grund ist, und das überrascht weniger, die mittlerweile eher leidige Suche nach einem Nachfolger für Dietmar Beiersdorfer. “Didi” soll, das haben weitere Recherchen ergeben, ja einer, wenn nicht DER Topfavorit für den Posten des Fußballoberchefs aller Red-Bull-Projekte (u.a. USA, Afrika, Leipzig, Salzburg) sein. Entschieden ist aber noch nichts, doch das könnte sich in den nächsten Tagen ändern.

Beim HSV muss sich Aufsichtsratschef Horst Becker warm anziehen – und das nicht nur wegen der sinkenden Temperaturen in der Hansestadt. Dem Oberkontrolleur begegnet nach Abendblatt-Informationen auch Aufsichtsrat-intern ein immer heftigerer Gegenwind. So soll er Klubmanager Bernd Wehmeyer ohne Absprache mit seinen Gremiumskollegen erklärt haben, dass “Fummel” nicht der Favorit des Personalausschusses im Rat sei. Auch von Vorstandschef Bernd Hoffmann soll eine derartige Nachricht an Wehmeyer gegangen sein – natürlich den Vorstand betreffend. Daraufhin hat Wehmeyer seine Kandidatur zurückgezogen. Damit dürfte der Weg für Roman Grill frei sein.

Oder eben auch nicht, denn eine Zweidrittelmehrheit braucht auch der Spielerberater m.W.z.J (mit Wunsch zur Jobveränderung) im Aufsichtsrat noch – und die Herren Kontrolleuere wollen jetzt erst einmal intern diskutieren.

Mein Abendblatt-Kollege Marcus Scholz hat ebenfalls einen Beitrag zu internen Diskussionen geleistet. Er hat ein nach meiner Meinung außergewöhnlich inhaltsstarkes und gutes Interview mit Torwart Frank Rost geführt, in dem es auch oder gerade um die Sportchef-Frage geht. Lest es mal selbst: http://www.abendblatt.de/sport/fussball/HSV/

Ich bin gespannt, was Ihr davon haltet. Eines ist es in jedem Fall, was Rückhalt Rost liefert: ehrliche, mutige Worte. Er wäre offenbar ein Befürworter der Wehmeyer-Lösung gewesen und, so wie ich ihn kenne, ist höchstgradig angenervt, dass durch die wochenlangen Diskussionen plötzlich auch teamintern unnötige Unruhe entstehen kann. Piotr Trochowski wurde jedenfalls schon mehrfach geflachst, dass er sich dank Grill ja keine Gedanken mehr um einen guten Vertrag machen müsse. Klar, solche Witzeleien gibt es in jeder Mannschaft, und sie müssen nicht gleich negative Folgen haben, aber wenn sich der Vakuum-Zustand in Sachen Sportchef fortzsetzt, zudem zwischen Aufsichtsrat und Vorstand (mal wieder – oder erstmals in dieser Konstellation) Missstimmungen herrschen, dann können dadurch Reibungspunkte entstehen, in denen unnötig Kraft und Zeit verschwendet wird. Ich plädiere daher für eine rasche Lösung noch an diesem Wochenende, um das Thema endgültig von der HSV-Liste zu streichen. Und an qualitativ tauglichen Kandidaten kann es ja nicht mangeln.

Jubilar Mathijsen

28. August 2009

Abwehrchef Joris Mathijsen feiert gegen den 1. FC Köln am Sonntag ein ganz besonderes Jubiläum: sein 100. (!) Bundesligaspiel. Jaja, ich weiß, ich hatte nach dem Training heute aus Versehen eine Null zu viel in die Tasten gehackt – und den Niederländer damit prompt zum Bundesligarekordspieler befördert.

Eines kann ich bei dieser Korrektur aber gleich noch machen, nämlich ein paar Worte zum Jubilar verlieren. Als Mathijsen einst zum HSV kam, wurde im Kollegenkreis und auch unter Experten viel diskutiert. Mathijsen war relativ unbekannt und wirkte in seinen ersten Spielen nicht überragend schnell, herausragend kopfballstark oder brillant im Aufbauspiel. Ein überschätzter Mann (wie vielleicht Daniel van Buyten)?

Meine Antwort ist eindeutig: nein. Mathijsen ist die Sorte Defensivspieler, die Trainer gerne mögen. Er ist nämlich außergewöhnlich zuverlässig. So wenige herausragende Qualitäten er vielleicht auch haben mag, so wenige augenscheinliche Schwächen hat er auch. Mathijsen bringt genau die Komponenten in ein Spiel ein, die man bei der Zusammenstellung einer erfolgreichen Mannschaft benötigt: gutes Stellungsspiel, ordnendes Eingreifen, starkes Zweikampfverhalten, Cleverness, Reife. Er kennt seine Stärken, bringt sie ein; und er reflektiert sich gut, kennt also auch seine Schwächen und versucht eigentlich nie, “Zauberpässe” zu spielen oder Szenen in der eigenen Gefahrenzone mit überhöhtem Risiko zu lösen.

Mathijsen wird im Team sehr geschätzt, weil er eben diese Stabilität für die gesamte Hintermannschaft mitbringt. Er ist meist ruhig und ausgeglichen, im entscheidenden Moment aber auch mal impulsiv und aufbrausend (auch gegenüber den Kollegen) – das spornt an.

Und wie sehr Mathijsen die Raute längst verinnerlicht hat, also auch eine echte Identifikationsfigur ist, zeigte heute ein TV-Interview für N3. Mathijsen wurde gefragt, was er zu Bayern Münchens Verpflichtung von Arjen Robben halte, ob er sich wegen eines weiteren Landsmannes in der Liga freue. Der Abwehrmann zögerte kurz und sagte dann bierernst, dass er sich nicht sonderlich freue, weil ein Konkurrent damit einen guten Spieler hinzubekommen habe. So viel Herzblut tut gut.

Depression der Abteilung Attacke

28. August 2009

In Hamburg sind die Ferien vorbei. Das merkt man nicht nur auf den nun wieder überfüllten Straßen, sondern auch beim HSV-Training, wo die Zuschaueranzahl nun erstmals wieder unter die 100-Personen-Marke rutscht.

Trainer Bruno Labbadia lässt sich davon aber nicht irritieren. Er hat den gelungenen Saisonstart mit Wohlwollen registriert und möchte ihn nun zu einem „sehr guten“ ausbauen. Dabei wies er bei der Pressekonferenz vor dem Köln-Spiel meines Erachtens zu Recht darauf hin, dass die Kölner trotz ihrer bisher mageren Bundesligaausbeute von einem Pünktchen keinesfalls ungefährlich oder gar „Fallobst“ sind. „Mit Petit, Maniche, Mondragon, Podolski und Co. verfügen die Kölner über eine Mannschaft mit international erfahrenen Profis“, sagt Labbadia. Er hält die Kölner vor allem für konterstark – und wird seine Männer entsprechend vorbereiten.

Dass die HSV-Spieler um ihren Jubilar Joris Mathijsen (feiert gegen Köln seinen 1000. Bundesligaeinsatz für den HSV, meinetwegen können noch mindestens 200 folgen) extrem gewillt sind, den Positivtrend nach dem grandiosen 4:2-Sieg in Wolfsburg fortzusetzen, war vor, während und nach der Einheit am Freitagmorgen deutlich erkennbar. Kaum ein Spieler sprach noch von der Qualifikation für die Europa League – was natürlich auch daran lag, dass die eingesetzten Profis beim Auslaufen waren und nicht mit dem A-Team auf dem Trainingsrasen standen -, dafür ackerten die Männer beherzt für das Duell gegen „Kölle“.

Zwei Stammspieler zeichneten sich dabei vor allem durch Wutausbrüche aus: Dennis Aogo, der beim Vier-gegen-Zwei-Spiel gemeinsam mit Eljero Elia ein Abonnement für die Mitte hatte und zwischenzeitlich zu mancher „Monstergrätsche“ mit Frustinhalten ansetzte, und Kapitän David Jarolim, dessen Vier-Mann-Team bei einer Spielform-Übung derartig von den Kontrahenten dominiert wurde, dass der Tscheche ein lautstarkes Fluchgewitter folgen ließ. Einige Zaungäste, vor allem Mütter mit ihren Kindern, waren vom rauen Umgangston der angehimmelten HSV-Spieler ziemlich überrascht. Doch da sorgten die Zöglinge für Beruhigung: „Mensch, Mama, das hier ist Fußball…“

Die „Abteilung Attacke“, wie Martin Jol einst die drängenden Talente im Kader seines Klubs nannte, steckt derzeit wie schon mehrfach erwähnt in einer tiefen Depression. Maxim Choupo-Moting mochte mehreren Fragestellern am Rande der Übungseinheit nur mit einem demonstrativen Schulterzucken antworten, warum er gegen Guingamp nicht hatte spielen dürfen. Tolgay Arslan musste das Training angeschlagen abbrechen. Und Änis Ben-Hatira sagte nach der Dusche, er warte minütlich auf einen Anruf von Klubboss Bernd Hoffmann, um seine Freigabe zu erhalten. Dabei, und das ist neu, geht es offenbar nicht mehr um ein Leihgeschäft, sondern um einen kompletten Verkauf. Ben-Hatira: „Leihgeschäfte bringen mich jetzt auch nicht mehr weiter, ich möchte einen kompletten Neuanfang starten.“

Hoffmann wird es bestimmt nicht leicht fallen, zwei der vier Nachwuchskräfte so kurz vor Transferschluss zu verabschieden – zumal Trainer Labbadia die hungrigen Eigengewächse fördern und fordern will, um so auch den Druck für die gestandenen Profis ständig aufrecht zu erhalten. Trotzdem, meine ich, geht die Entwicklung der besagten Spieler nur noch über Spielpraxis auf Profiniveau weiter. Und da stehen die Chancen in Hamburg aufgrund der hohen Qualität des Kaders natürlich nicht allzu gut.

Zwei Dinge noch schnell vorm Start des Bundesligawochenendes: Erstens betrachte ich die Gruppe C des HSV in der Europa League als echte sportliche Herausforderung, zumal Celtic, Rapid Wien und Hapoel Tel Aviv allesamt große Ambitionen haben und keine „Selbstgänger“ sind. Andererseits peilt Bernd Hoffmann ab 2010 den Angriff auf Europas Fußballspitze an – und wer sich auf dem europäischen Fußballthron dauerhaft einen festen Platz sichern will, der muss auch Gegner dieser Kategorien in die Schranken weisen.

Zweitens kursieren seit Donnerstagabend Gerüchte über Dietmar Beiersdorfer, der Sportchef bei Red Bull Salzburg werden soll. „Was? Das ist doch ein Schritt aufs Abstellgleis!“, hörte ich manchen Kollegen und Fan raunen. Doch hinter der Sache könnte noch mehr stecken. Sobald ich mehr weiß, werde ich Euch informieren.

Die Gewinner unseres Gewinnspiels stehen fest: Julia Brügmann hat das Trikot gewonnen, Matthias Suttmann die zwei Eintrittskarten. Ich gratuliere herzlich.

Und noch eine letzte Anmerkung: Die Genesungswünsche für den verunglückten St.-Pauli-Fan nehmen immer mehr Formen an. Schaut selbst rein: http://www.upload.ixxis.de/download.php?file=e760e20c07caa036cb6ed62915afd251

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