Drittes Nähkästchen

30. August 2009

Die Zeit bis zum Anpfiff der Partie gegen den 1. FC Köln möchte ich wieder mit einem kurzen Blick zurück überbrücken, ich möchte wieder mal aus dem Nähkästchen plaudern. Gedanken habe ich mir aktuell zu Bruno Labbadia gemacht. Damals, als er für den HSV stürmte, das war von 1987 bis 1989, hätte ich nie im Traum daran gedacht, dass er eines Tages einmal Trainer in Hamburg sein würde. Nicht einmal daran habe ich gedacht, dass der schöne Bruno einst ein Bundesliga-Coach werden könnte. Das war absolut unvorstellbar – warum, kann ich gar nicht mal sagen.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass eigentlich ja Stürmer viel seltener die Trainer-Laufbahn einschlagen. Oft sind es die Regisseure, dann folgen die Abwehrspieler. Der Labbadia von 1989 als Trainer? Wahrscheinlich hätte ich damals einen hohen Betrag gesetzt, dass er nicht. . .

In der Bundesliga-Geschichte kommen denn auch „stürmende Trainer“, die später den Titel mit ihren Teams geholt haben, seltener vor. Ottmar Hitzfeld ist eine dieser Ausnahmen, Jupp Heynckes ebenfalls, Udo Lattek hat einst beim VfL Osnabrück im Sturm, aber gelegentlich auch in der Abwehr gespielt, und das war es dann auch schon. Otto Rehhagel war Verteidiger, Ernst Happel auch, Thomas Schaaf ebenfalls, Frank Pagelsdorf kam aus dem Mittelfeld, Felix Magath war Spielgestalter. Stürmer sind auch auf diesem Gebiet rar gesät.

Wobei es beim HSV ja durchaus den einen oder anderen offensiven Spieler gab, der hier Trainer wurde. Gerd-Volker Schock, der noch immer in der Torschützen-Bestenliste der Zweiten Liga weit vorne rangiert, ist da zu nennen, auch Willi Reimann und Thomas Doll. Letzterer, das gebe ich zu, liegt mir dabei besonders am Herzen. Als „Dolly“ 1990 von Dynamo Berlin kam, war ich gerade HSV-Reporter bei Bild. Doll und Rohde kamen vor der Vertragsunterzeichnung zur sporttauglichen Untersuchung nach Hamburg eingeflogen, und auch ich stand damals am Flughafen Fuhlsbüttel. Dienstlich. Ich sollte mich auf die Spuren der beiden Neuzugänge machen.

Vor dem Flughafen stand damals auch Hartmut Diekhoff, in jener Zeit eine Art „Mini-Manager“, denn einen echten Manager hatte der HSV gerade mal nicht. Wahrscheinlich aus Kostengründen, denn der Klub war klamm. Diekhoff entdeckte mich, kam zu mir und fragte: „Herr Matz, können Sie mir einen Gefallen tun? Ich habe nur eine ganz alte Klapperkiste, Sie aber einen neuen Wagen – können Sie Thomas Doll, Frank Rohde und den Berater Wolfgang Metzler nicht in die Klinik nach Henstedt-Ulzburg fahren, ich komme dann nach?“ Natürlich habe ich das gemacht, selbstverständlich. Und ganz nebenbei war ich so natürlich von der ersten Minute an, die Doll und Rohde auf Hamburger Boden verbracht haben, auf Ballhöhe. Vor der sporttauglichen Untersuchung hatten wir dazu noch eine gewisse Zeit zu überbrücken, da HSV-Arzt Dr. Uli Mann gerade noch operierte, also mussten wir uns die Zeit noch ein wenig vertreiben. Willi Witters, der damalige Bild-Fotograf, hatte einen Ball an Bord, wir gingen auf den Klinik-Rasen und spielten Fußball. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Das klappte sogar bei mir ganz ansehnlich, nicht nur bei Rohde und Doll. Am Abend jedenfalls, als sie wieder zurück nach Berlin flogen (das ging damals noch), versprach mir „Dolly“: „Dieter, du bist in Ordnung, wenn ich in Hamburg bin, kannst du mich zu jeder Zeit, Tag und Nacht, anrufen, ich bin für dich da.“ Willi Witters hatte am Abend schon fertige Fotos vom Kick auf dem Rasen gebracht, ich ließ mir das Versprechen von Doll auf ein solches Foto schriftlich geben – habe es heute noch, wie sich das gehört.

Als „Dolly“ dann zu Lazio Rom wechselte, arbeitete ich wieder beim Abendblatt – und war dabei, als er sein erstes Punktspiel mit Lazio im Olympiastadion zu Rom gegen Parma bestritt (0:0). Nach dem Spiel war ich dann stolz wie Oskar: Doll, der zur Pressekonferenz gebracht wurde, schenkte mir vor versammelter Medienschar sein Trikot mit der Nummer acht.

Wir verbrachten zu jener Zeit noch einige Tage in Rom, damals schon lernte ich, dass es nicht so einfach ist, bei einem italienischen Erstliga-Klub das Training zu verfolgen. Ich musste mich vorher, bereits aus Hamburg, akkreditieren lassen. Ohne Legitimierung kam keiner auf das hermetisch abgeriegelte Gelände, und selbst mit Ausweis war man nicht unbedingt gerne gesehen. Ich erinnere, wie mich der damalige Lazio-Trainer Dino Zoff, die Torwart-Legende, von oben bis unten musterte, sich fragend, was der langhaarige Typ hier wohl zu suchen hätte. Wenn Blicke töten könnten… Ich habe es aber überlebt.

Und warum ich die Sache mit dem Trikot erzählt habe? Jahre später, als Thomas Doll beim HSV Amateur-Trainer geworden war, trafen wir uns natürlich häufiger. Auch in seinem Haus in Quickborn. Dort hingen, fein unter Glasrahmen, alle Trikots seiner Klubs, für die er einst gespielt und gezaubert hatte. Nur das Lazio-Trikot fehlte. Ich fragte, Doll sagte: „Ich habe es schlicht vergessen, mir eines mitzunehmen. Ich habe wirklich alle, nur das nicht. Aber jetzt habe ich mir eines bestellt, doch das dauert schon lange. Wer weiß, ob das überhaupt noch mal etwas wird?“ Und: Wenn es gekommen wäre, wäre es ja auch sehr wahrscheinlich kein Original mehr gewesen.

Deshalb: Zwei Tage später fuhr ich zum Amateurtraining nach Ochsenzoll und gab Thomas Doll „sein“ Trikot mit der Nummer acht zurück – auch wenn es mir sehr schwer fiel. Aber: Seine Sammlung ist jetzt komplett, das war und ist mein Trost.

Übrigens: Wenn mich 1990 jemand gefragt hätte, ob Thomas Doll einst Bundesliga-Trainer und sogar einmal HSV-Coach werden würde, dann hätte ich, genau wie bei Bruno Labbadia, unbeirrt gesagt: „Never!“ So kann Mann sich irren. Ein Tipp noch: Solltet ihr „Dolly“ einmal treffen (nun in Ankara tätig), so nennt ihn nicht „Dolly“, sondern Thomas Doll. Seinen Kosenamen hat der frühere HSV-Publikumsliebling abgelegt, er möchte, nun als Trainer, seriöser rüberkommen.

Die Reihe Nähkästchen wird fortgesetzt, viel Spaß beim und mit dem Köln-Spiel.

16 Reaktionen zu “Drittes Nähkästchen”

  1. Gischas sagt:

    Hallo Herr Matz,
    habe mir noch nie Gedanken drüber gemacht welche Spieler auf welchen Positionen irgendwann einmal Trainer werden auch wenn es natürlich sinn macht – Z.B. als Spielmacher wie unser Quälix Magath. War mal wieder eine weiterbildung für mich.
    Kann nur wieder einmal Bewunderung aussprechen wie man werdende Fußballtalente schon vorher kennenlernt und Freunschaften aufbaut – das schafft wahrlich nicht jeder. Mir gefallen diese Nähkästchen-Geschichten.
    Mfg Gischas

  2. Dylan1941 sagt:

    Moin Herr Matz !

    Schöne geschichte aus dem Nähkästchen…aber stimmt Ihre Theorie mit den Stürmern wirklich oder sollte man bei Aufzählungen nicht Stürmer gegen den Rest
    vom MF und Abwehr setzen ?

    Sie haben ja einige Trainer aufgeführt die als Stürmer tätig waren…

    Neben Doll auch noch ein gewisser Horst Hrubesch oder Rudi Völler fällt mir spontan ein …..Lienen, Löw,

    Gruß Dylan1941

  3. HSVJan sagt:

    Ich verbessere ja ungern, aber das ist immer typisch”westdeutsch” Dynamo Berlin, das heißt BFC Dynamo, sorry Herr Matz. Was ist bei den Stürmer Trainern mit Horst Hrubesch( EM Gewinner bei der U21) und Rudi Völler (Vizeweltmeister)? Aber bewegend ihre Geschichte von unserem “Dolly”.Ich habe sowas ähnliches auch mal erlebt und ich hab genauso wie sie gehandelt.Ich hatte auch ein Trikot bekommen vom Kapitän,als mein Heimatverein( Schwedt/Oder) Landesmeister wurde und in die damalige Amateuroberliga aufstieg.Jahre danach schenkte ich es zurück als Erinnerung.Auf ein schönes Spiel heut und das alles klappt mit “unserem” Plakat.
    Nur der HSV!!!

  4. Mario sagt:

    Stürmertrainer, da fällt mir noch ein ganz großer seiner Zunft ein Jürgen Klinsmann…((-:

  5. Z sagt:

    Edgar Schmitt! Reiner Welttrainer xD

    Ich liebe diese Nähkästchenserie. Wo kriegt man solche Sachen schon mit? Herrlich.

    Wünsche mir für morgen Matz’ Meinung zu den neuen Fakten zum Zé-Transfer .)

  6. HSVIngo sagt:

    Nähkästchenserie ist immer gut ;-) Weiter so!!!

    Ich schließe mich User “Z” an. Die Geschichte mit Zé Roberto würde mich auch interessieren. Ist schon seltsam das plötzlich ein Klub auftaucht und 4 Mio. bekommt für den unser Zé noch nicht gespielt hat.

  7. HK Hans sagt:

    “Dolle” Geschichte! Bitte mehr davon!

  8. Buy Emirates sagt:

    “Nähkästchen” ist ein gutes Stichwort.

    Ich hoffe, der große Vorsitzende BH plaudert eines Tages, nachdem seine Zeit beim HSV irgendwann mal zuende gegangen ist, aus SEINEM Nähkästchen und erzählt uns die Gründe, warum Medien und Öffentlichkeit im Glauben gelassen wurden, der gute Zé sei ablösefrei zu haben gewesen. War es einfach nur das große Hosenflattern, angesichts des Sommertheaters frank und frei die Wahrheit zu offenbaren und sich mit den Reaktionen darauf auseinandersetzen zu müssen? Wollte Hoffmann einfach nur Ruhe im Karton? Oder steckt mehr dahinter?

    In meinen Augen steht BH nun da wie ein Schuljunge, der bei einem Bubenstreich erwischt wurde. Er hat zwar nicht gelogen, Tatsachen zurückgehalten bzw. verschleiert hat er aber sehr wohl, dieser Eindruck drängt sich mir leider auf. Als vertrauensbildende Maßnahme Hoffmanns gegenüber dem Publikum kann man die “Operation Zé” im Licht der “Spiegel”-Enthüllungen jedenfalls wohl kaum bezeichnen.

  9. Florian Hebbel sagt:

    Ich seh das Plakat – hoch oben :)

  10. Florian Hebbel sagt:

    Der Scheiss kommt doch bestimmt wieder von Linksaktivist Ertel um das Hoffmann anzuhängen…
    CFHH titelt gerade “Wir brauchen einen Sportchef, nicht noch mehr Kapitalisten”
    lächerlich – man könnte ja wieder Jojo fragen… Pfff…
    Hoffentlich wird die 2. Halbzeit besser,es ist kalt hier :)

  11. HSVIngo sagt:

    3:1 Sieg. Für mindestens 2 Wochen Tabellenführer! Super HSV! Wann verlängert Guerrero endlich? Verschläft man das wieder, wie bei Olic?

  12. Jo sagt:

    Wir haben gewonnen, zu recht. Und das in einem Spiel, in dem wir nicht hochgradig überlegen waren oder Spitzenfußball gespielt haben. Das ist doch Klasse, nicht toll gespielt, trotzdem 3:1 relativ sicher gesiegt. So stell ich mir ein Spitzenteam vor. Und jetzt weiter arbeiten und die Gegner durch permanentes Tore schießen beeindrucken!

  13. Olen sagt:

    …das Ze Roberto Thema ist keines, sondern wird von interessierter Seite gegen Hoffmann instrumentalisiert. Völlig schnuppe wohin die 4 Mio (vom AR abgesegneten!!) gewandert sind. Der Transfer von Herrn Ze Roberto war ein Schachzug sondergleichen, die Öffentlichkeit (inkl. Spiegel-Online) hat kein Anrecht auf völlige Offenlegung aller Transferdetails beim HSV. Völlig lächerlich. Lediglich eine billige Geschichte die von Anti-Kommerz/Hoffmann-Aktivisten hochgekocht wird.
    Ich hingegen, wie die Mehrzahl aller Fans, freue mich über den erfolgreichen neuen HSV auf Platz 1. Das kann gern so bleiben. Das finde ich ist ein echtes Thema. Und als Erfolgsbonus dürfen Hoffmann + Co. Ze Roberto am Ende der Saison gern noch zusätzlich 3 Mios auf ein ostfriesisches Nummernkonto überweisen.
    :-)

  14. Dembinski sagt:

    @Florian Hebel:
    Du hast das Plakat gesehen? Im fernsehen? Was stand drauf?
    Gruss Dembinski

  15. Daniel (le-rav) sagt:

    Lieber Dieter Matz,
    ihr Blog ist inzwischen eine tägliche Lektüre für mich geworden. Mit großem Interesse verfolge ich Ihre Berichte, vor allen Dingen interessieren mich die Anekdoten auch aus früheren HSV-Zeiten. Von daher meine “Bitte” oder eine Art Vorschlag: haben Sie vielleicht auch eine schöne Geschichte über einen meiner HSV-Helden, nämlich Richard Golz?
    Er war irgendwie ein Garant und eine Konstante in einer zugegeben ziemlich tristen Phase des HSV’s. Dennoch war er ein Typ, seine Interviews waren immer wieder genial – ein Fußballer mit Intelligenz. Ich erinnere mich trotzdem auch an einige Highlights in seiner Phase, wahrscheinlich weil sie doch so selten waren. Zum Beispiel die Saison wo er Uli Stein durch hervorragende Leistungen wieder aus dem Tor verdrängte, an einige Spiele im Uefa Cup oder auch die Saison unter Felix Magath, wo der HSV mal wieder in den Uefa Cup einzog. Nie vergessen werde ich das Spiel in Rostock, wo Richie plötzlich stürmte! ;) Er hat so viele Spiele für unseren HSV gemacht, leider wird er oft nur auf den einen Pauli-Patzer degradiert!
    Dabei ist er inzwischen wieder im Verein – was mich sehr freut. Denn die Entscheidung für den HSV war ja eine “Herz-”Entscheidung…
    Nunja, das wollte ich mal loswerden, vielleicht haben Sie ja eine witzige Geschichte auf Lager?

    Viele Grüße!

  16. Matthias wiermann sagt:

    Zum Transfer Zé Roberto: Eine höchst interessante Geschichte, die Dieter Matz dort beschreibt. Gut recherchiert und völlig neutral erzählt. Dem Betrachter wird durch diese Geschichte deutlich, dass das Duo Hoffmann/Kraus völlig überfordert scheint mit den Tätigkeiten, die eigentlich eines Sportdirektors bedürfen. Was ist das bloß für ein Getrickse und Geschummel, das wäre doch unter Didi Beiersdorfer nie möglich gewesen. Hanseatisch ist das jedenfalls nicht. Interessant auch, was das finanzamt wohl dazu sagt. Hoffentlich handelt es sich hierbei nicht um eine verdeckte Gehaltszahlung…