Tagesarchiv für den 30. August 2009

Gewonnen ist gewonnen

30. August 2009

„Spielerisch war das keine Glanzleistung, aber gewonnen ist gewonnen. Das war ein Arbeitssieg, und man weiß ja aus Erfahrung, dass man nicht immer nur glänzen kann. Hauptsache gewonnen“, sagte der frühere HSV-Meistertorwart von 1960, Horst Schnoor, sichtlich zufrieden. So wie ihm erging es den meisten der 54 112 Zuschauern beim Spiel gegen den Tabellenletzten 1. FC Köln. Durchatmen, Mund abwischen und Richtung VfB Stuttgart blicken, der kommt nun in 13 Tagen in den Volkspark.

Wer hatte nicht vorher geunkt: „Dem Miso Brecko spielt der Eljero Elia einige Knoten in die Beine.“ Und dann? Dann kam es ganz anders. Muss man als Hamburger anerkennen, der gute Brecko hat seine Haut teuer verkauft. Die Wahl seiner Mittel war nicht immer ganz fair und ganz fein, aber der Zweck heiligt die Mittel. Brecko hatte sich offenbar ganz genau auf Elia vorbereitet, ging mit Härte, Haken, Ösen, Händen und Ellenbogen zur Sache, und kaufte damit der „Rakete aus dem Volkspark“ den Schneid ab. Auf jeden Fall kam Elia nicht so zum Zuge, wie zuvor in den Begegnungen.

Zudem gab es diesmal keinen Frühstart des HSV, was natürlich an der Engmaschigkeit der Kölner Defensive lag. Der FC, so hatte ich auf der Tribüne den Eindruck, wehrte sich mit allen erlaubten und unerlaubten Tricks, spielte aggressiv, mauerte, gab sich enorm lauffreudig, wollte in erster Linie das HSV-Spiel verhindern und zerstören, tat aber viel zu selten etwas, um zu einem eigenen Torerfolg zu kommen. Solche Spiele laufen dann für den Fan nicht immer schön und erst recht nicht spektakulär ab. Und wenn das so ist, dann muss Fußball eben gearbeitet werden. Genau das tat der HSV zur Freude der eigenen Anhänger dann auch.

Glück kam hinzu: Beim 1:0 von Paolo Guerrero hätte der gute Schiedsrichter Dr. Felix Brych auch auf Foul des HSV-Stürmers entscheiden können, beim 2:0 von Guerrero stand Ze Roberto so im Abseits, wie beim Dortmund-Spiel vor 14 Tagen ein Borusse. Ihr erinnert Euch? Frank Rost reklamierte so lange, bis der Unparteiische das vermeintliche 2:4 zurück nahm. Diesmal reklamierte allerdings kein Kölner, nicht einmal Torwart Mondragon. Rost ist eben cleverer.

Und zu Guerrero sei gesagt: Er wird allmählich zu einem riesigen Problem für den HSV. Der Peruaner wird immer stärker, und sein Vertrag läuft nur noch ein paar Monate. Was nun? Den holen die finanziell starken Klub doch so mir nichts dir nichts und auch kurzerhand vom Hof, wenn der Vertrag nicht doch noch schnell (oder bald) verlängert wird. Guerrero hat nicht nur gegen Köln wieder großartig gespielt, er hat dadurch auch erneut unter Beweis gestellt, wie sehr er sich seit seinem Wechsel von Bayern München zum HSV verbessert hat. Unglaublich war eine Szene, die ich für Guerreros geniales Spiel symptomatisch halte: Abschlag von Rost, die Kugel ist 60 Meter in der Luft und plumpst genau auf die Brust des HSV-Stürmers. Und dort liegt der Ball so, als hätte er das Trikot mit Pattex bestrichen, der Ball klebt. Im Gegensatz dazu sprang die Kugel bei Kölner Stoppversuchen wie beim Flipper-Automat hin und her.

In meinen Augen war Jubilar Joris Mathijsen in seinem 100. Bundesliga-Spiel ein Garant für die funktionierende Defensive, der Niederländer war wieder einmal die Zuverlässigkeit in Person. Super und enorm wichtig, wenn auch nicht spektakulär, auch David Jarolim, der permanent die Bälle heranschleppte, ganz souverän erneut Jerome Boateng, der Lukas Podolski über weite Strecken zum Statisten degradierte. HSV-Fan Peter aus Mühlheim an der Ruhr dazu: „Ganz klar: Lahm links, Boateng rechts, so muss die künftige Viererkette in der Nationalmannschaft auf den Außenpositionen besetzt werden.“ Recht hat der gute Mann ja, aber ob Jogi Löw da auch noch ein wenig mitspielt?

Was auffällig war: Als die Mitspieler merkten, dass an diesem Tage nicht viel mit Elia ging, wurde er auch kaum noch gesucht. Ein Fehler? Vielleicht. Auf jeden Fall sollten sich die Kollegen schon ihrer besten Waffe bewusst sein – und sich auch kräftig bedienen. Das trifft auch für Mladen Petric zu. Wie vor einer Woche, beim 4:2-Sieg in Wolfsburg, als Piotr Trochowski oft in bester und freistehender Position vor dem gegnerischen Tor übersehen wurde, so wartete Petric auch oft im Niemandsland auf das Zuspiel, aber er wurde mit fast schon fahrlässiger Nichtachtung gestraft. Oft sogar. Dabei weiß der Kroate wohl am besten beim HSV, wohin der Ball gehört.

Ein Wort noch zu Trochowski: Er war bemüht, er war auch wieder besser als in Wolfsburg, aber er war immer noch nicht so überragend, wie er es sein könnte, vielleicht sogar müsste. Bewundernswert aber ist, wie er sich die Kugel schnappt, wenn es Elfmeter für den HSV gibt. Das macht er überragend, er wandelte auf den Spuren von Manfred Kaltz – und wie wichtig Elfer-Schütze Trochowski ist, werden spätestens dann alle erkennen, wenn erst einmal ein anderer Kollege schießen muss – und es dann kein Tor gibt. Wie sehr auch ein verwandelter Strafstoß Selbstvertrauen geben kann, sahen alle in der Arena nach dem 3:1. Trochowski stieg in die Luft, freute sich wie ein Kind und schrie seine Freude – und die von ihm gewichene Last der Erfolglosigkeit – in den Abendhimmel.

Übrigens: Ze Roberto taute diesmal erst gegen Ende dieses Spiels so richtig auf, und in der Endphase hatte auch Bruno Labbadia wieder eine (seine) Idee: Er wechselte Jonathan Pitroipa für ein paar Minute ein so wie er es in Wolfsburg mit Romeo Castelen tat. Kluger Schachzug, so hält der Trainer den einen oder anderen Spieler mehr bei (bester) Laune. Und das kann nur gut für das Verteidigen der Tabellenführung sein.

Es könnte also alles bestens sein im HSV, es darf und wird wieder reichlich geträumt, sportlich ist vieles super – aber was ist da in Sachen neuer Sportchef los? Ich wurde an diesem Kölner Nachmittag so oft wie kaum einmal zuvor in Sachen Aufsichtsrat angesprochen. Das am meisten benutzte Wort dabei: Unfassbar. Es passt, wenn nun auch noch heraus kommt, dass für Ze Roberto doch vier Millionen Euro Ablöse gezahlt wurde. Auch das unfassbar. Und ganz besonders unfassbar, dass es Monate hieß, Ze Roberto sei ablösefrei gekommen. Das haben alle gesagt und geschrieben, das wurde von allen als bare Münze genommen, aber es ist falsch. Auch das unfassbar, aber wahr!

Nun ist es nicht die Aufgabe des HSV-Vorstandes, das muss man fair zugeben, allen Medien mitzuteilen, dass sie entgegen anders lautenden Berichten doch Ablöse gezahlt wurde. Vertragsinhalte bleiben immer und überall geheim, aber sollte nicht wenigstens der Aufsichtsrat… ?

Nun ja, in der Zweiten Liga steht der „etwas andere Verein“ aus Hamburg an der Spitze, in der Ersten Liga macht sich nun der Tabellenführer auf, ebenfalls ein „etwas anderer Klub“ zu werden. Und dieser Weg ist offenbar gar nicht so schwer, im Gegenteil, er wurde nun schon bestens beschritten!

PS: Jacek Dembinski war da, Ihr könnt morgen bei „Matz ab“ sehen, wer dieser Mann ist. Ich wünsche Euch allen eine gute und erfolgreiche Woche.

Drittes Nähkästchen

30. August 2009

Die Zeit bis zum Anpfiff der Partie gegen den 1. FC Köln möchte ich wieder mit einem kurzen Blick zurück überbrücken, ich möchte wieder mal aus dem Nähkästchen plaudern. Gedanken habe ich mir aktuell zu Bruno Labbadia gemacht. Damals, als er für den HSV stürmte, das war von 1987 bis 1989, hätte ich nie im Traum daran gedacht, dass er eines Tages einmal Trainer in Hamburg sein würde. Nicht einmal daran habe ich gedacht, dass der schöne Bruno einst ein Bundesliga-Coach werden könnte. Das war absolut unvorstellbar – warum, kann ich gar nicht mal sagen.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass eigentlich ja Stürmer viel seltener die Trainer-Laufbahn einschlagen. Oft sind es die Regisseure, dann folgen die Abwehrspieler. Der Labbadia von 1989 als Trainer? Wahrscheinlich hätte ich damals einen hohen Betrag gesetzt, dass er nicht. . .

In der Bundesliga-Geschichte kommen denn auch „stürmende Trainer“, die später den Titel mit ihren Teams geholt haben, seltener vor. Ottmar Hitzfeld ist eine dieser Ausnahmen, Jupp Heynckes ebenfalls, Udo Lattek hat einst beim VfL Osnabrück im Sturm, aber gelegentlich auch in der Abwehr gespielt, und das war es dann auch schon. Otto Rehhagel war Verteidiger, Ernst Happel auch, Thomas Schaaf ebenfalls, Frank Pagelsdorf kam aus dem Mittelfeld, Felix Magath war Spielgestalter. Stürmer sind auch auf diesem Gebiet rar gesät.

Wobei es beim HSV ja durchaus den einen oder anderen offensiven Spieler gab, der hier Trainer wurde. Gerd-Volker Schock, der noch immer in der Torschützen-Bestenliste der Zweiten Liga weit vorne rangiert, ist da zu nennen, auch Willi Reimann und Thomas Doll. Letzterer, das gebe ich zu, liegt mir dabei besonders am Herzen. Als „Dolly“ 1990 von Dynamo Berlin kam, war ich gerade HSV-Reporter bei Bild. Doll und Rohde kamen vor der Vertragsunterzeichnung zur sporttauglichen Untersuchung nach Hamburg eingeflogen, und auch ich stand damals am Flughafen Fuhlsbüttel. Dienstlich. Ich sollte mich auf die Spuren der beiden Neuzugänge machen.

Vor dem Flughafen stand damals auch Hartmut Diekhoff, in jener Zeit eine Art „Mini-Manager“, denn einen echten Manager hatte der HSV gerade mal nicht. Wahrscheinlich aus Kostengründen, denn der Klub war klamm. Diekhoff entdeckte mich, kam zu mir und fragte: „Herr Matz, können Sie mir einen Gefallen tun? Ich habe nur eine ganz alte Klapperkiste, Sie aber einen neuen Wagen – können Sie Thomas Doll, Frank Rohde und den Berater Wolfgang Metzler nicht in die Klinik nach Henstedt-Ulzburg fahren, ich komme dann nach?“ Natürlich habe ich das gemacht, selbstverständlich. Und ganz nebenbei war ich so natürlich von der ersten Minute an, die Doll und Rohde auf Hamburger Boden verbracht haben, auf Ballhöhe. Vor der sporttauglichen Untersuchung hatten wir dazu noch eine gewisse Zeit zu überbrücken, da HSV-Arzt Dr. Uli Mann gerade noch operierte, also mussten wir uns die Zeit noch ein wenig vertreiben. Willi Witters, der damalige Bild-Fotograf, hatte einen Ball an Bord, wir gingen auf den Klinik-Rasen und spielten Fußball. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Das klappte sogar bei mir ganz ansehnlich, nicht nur bei Rohde und Doll. Am Abend jedenfalls, als sie wieder zurück nach Berlin flogen (das ging damals noch), versprach mir „Dolly“: „Dieter, du bist in Ordnung, wenn ich in Hamburg bin, kannst du mich zu jeder Zeit, Tag und Nacht, anrufen, ich bin für dich da.“ Willi Witters hatte am Abend schon fertige Fotos vom Kick auf dem Rasen gebracht, ich ließ mir das Versprechen von Doll auf ein solches Foto schriftlich geben – habe es heute noch, wie sich das gehört.

Als „Dolly“ dann zu Lazio Rom wechselte, arbeitete ich wieder beim Abendblatt – und war dabei, als er sein erstes Punktspiel mit Lazio im Olympiastadion zu Rom gegen Parma bestritt (0:0). Nach dem Spiel war ich dann stolz wie Oskar: Doll, der zur Pressekonferenz gebracht wurde, schenkte mir vor versammelter Medienschar sein Trikot mit der Nummer acht.

Wir verbrachten zu jener Zeit noch einige Tage in Rom, damals schon lernte ich, dass es nicht so einfach ist, bei einem italienischen Erstliga-Klub das Training zu verfolgen. Ich musste mich vorher, bereits aus Hamburg, akkreditieren lassen. Ohne Legitimierung kam keiner auf das hermetisch abgeriegelte Gelände, und selbst mit Ausweis war man nicht unbedingt gerne gesehen. Ich erinnere, wie mich der damalige Lazio-Trainer Dino Zoff, die Torwart-Legende, von oben bis unten musterte, sich fragend, was der langhaarige Typ hier wohl zu suchen hätte. Wenn Blicke töten könnten… Ich habe es aber überlebt.

Und warum ich die Sache mit dem Trikot erzählt habe? Jahre später, als Thomas Doll beim HSV Amateur-Trainer geworden war, trafen wir uns natürlich häufiger. Auch in seinem Haus in Quickborn. Dort hingen, fein unter Glasrahmen, alle Trikots seiner Klubs, für die er einst gespielt und gezaubert hatte. Nur das Lazio-Trikot fehlte. Ich fragte, Doll sagte: „Ich habe es schlicht vergessen, mir eines mitzunehmen. Ich habe wirklich alle, nur das nicht. Aber jetzt habe ich mir eines bestellt, doch das dauert schon lange. Wer weiß, ob das überhaupt noch mal etwas wird?“ Und: Wenn es gekommen wäre, wäre es ja auch sehr wahrscheinlich kein Original mehr gewesen.

Deshalb: Zwei Tage später fuhr ich zum Amateurtraining nach Ochsenzoll und gab Thomas Doll „sein“ Trikot mit der Nummer acht zurück – auch wenn es mir sehr schwer fiel. Aber: Seine Sammlung ist jetzt komplett, das war und ist mein Trost.

Übrigens: Wenn mich 1990 jemand gefragt hätte, ob Thomas Doll einst Bundesliga-Trainer und sogar einmal HSV-Coach werden würde, dann hätte ich, genau wie bei Bruno Labbadia, unbeirrt gesagt: „Never!“ So kann Mann sich irren. Ein Tipp noch: Solltet ihr „Dolly“ einmal treffen (nun in Ankara tätig), so nennt ihn nicht „Dolly“, sondern Thomas Doll. Seinen Kosenamen hat der frühere HSV-Publikumsliebling abgelegt, er möchte, nun als Trainer, seriöser rüberkommen.

Die Reihe Nähkästchen wird fortgesetzt, viel Spaß beim und mit dem Köln-Spiel.