Tagesarchiv für den 24. August 2009

Ein Spiel für die Geschichte?

24. August 2009

Traumhaft, riesig, sensationell, stark, unglaublich, hervorragend, gigantisch. Die Fans taumeln nach dem Über-Kick von Wolfsburg von einem Superlativ zum nächsten. Es war ja aber auch herrlich. So schön kann Fußball sein. Und dann noch vom HSV gespielt!? Das ist eigentlich unglaublich, denn vor 14 Tagen hatte die Labbadia-Mannschaft noch Fußball zum Abgewöhnen geboten. Mich haben viele Mails und noch mehr Anrufe erreicht, dieses Spiel, dieser 4:2-Sieg über den Meister wird in die Geschichte eingehen, keine Frage. „Wir hätten zehn Tore schießen könne, sechs Tore schießen müssen – zum Glück haben vier gereicht“, sagte HSV-Boss Bernd Hoffmann nach dem Spiel mit etwas blasser Miene. Diese 90 Minuten hatten Nerven gekostet, und zwar allen Beteiligten.

Und Lob gab es vom Gegner. VfL-Trainer Armin Veh sah sich die Statistik des Spiels an, staunte und sagte: „27 Schüsse auf unser Tor, das ist eine unfassbare Zahl. Und wenn man dazu bedenkt, dass unser Torwart der beste Mann auf dem Platz war. . . Die Meisterschaft führt in diesem Jahr nur über den HSV.“

Das klingt alles höchst erfreulich. Ist es natürlich auch. Für mich gab es nach dem Spiel noch einige Aha-Erlebnisse bei „Matz ab“. Wie zum Beispiel Romeo Castelen bei Euch gefeiert wurde, finde ich super, fair und menschlich. Der kleine Flügelflitzer, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, hatte eine unglaubliche Leidensstrecke hinter sich – und dann dieses Comeback! Für mich unfassbar. Und ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, dass Bruno Labbadia ihn schon einsetzen würde. Im Training nämlich hatte Castelen kaum einmal eine Szene, die den Trainer zu einem solchen Kurz-Einsatz hätten ermutigen können. Labbadia tat es trotzdem, „Z“ hatte kurz darauf Tränen in den Augen – und Castelen war wieder auferstanden. Auch solche Geschichten schreibt eben nur der Fußball (drei Euro ins nächste Phrasenschwein).

Dass Castelen der Mann war, den Eljero Elia in die Arme sprintete, lag daran, dass sich beide HSV-Profis morgens vor dem Spiel schon Gedanken über das Spiel gegen den VfL machten. Romeo hatte seinem Landsmann Eljero prophezeit: „Es wird Zeit für dein erstes Tor, ich glaube, du wirst es heute schießen.“ Und diesem Propheten sprintete Elia dann mit Inbrunst und voller Dankbarkeit in die Arme.
Gefreut habe ich mich über „HSV-Oliver“, der mit einer Art Doktor-Arbeit dieses Spiel akribisch genau festgehalten hat. Was für eine Fleißleistung. Großartig! Kompliment! Ich werde mir jede Zeile aufbewahren – skizzieren sie doch eines der größten Spiele der HSV-Bundesliga-Geschichte.

„Schuld“ daran war auch ein Mann, der bis vor kurzem noch bei den Bayern unter Vertrag stand: Ze Roberto. Trat in Wolfsburg vor der Pause noch David Jarolim vielfach als Regisseur (!) in Erscheinung (siehe 1:0), so löste ihn nach dem Wechsel der Brasilianer in dieser Rolle ab. Ze Roberto ist absolut brillant und ein großer Gewinn für diesen HSV, denn wenn die Mitspieler irgendwann einmal nicht mehr weiter wissen, geben sie ihm den Ball – und es wird etwas Gutes draus. Ob sich Uli Hoeneß schon einige Male geärgert hat?

Übrigens: Wenn einige von Euch nun sagen, dieser Sieg von Wolfsburg war so schön wie das 4:4 gegen Juventus in der Champions League (13. September 2000), dann muss ich allen entgegnen, was der frühere HSV-Kapitän Ditmar Jakobs vor einigen Tagen sagte, als er durch das Abendblatt-Buch „Nur der HSV“ blätterte und zu diesem Spiel kam: „Ich verstehe nicht, dass dieses Spiel noch heute so glorifiziert wird. Die Italiener waren damals doch erst eine Woche im Training, das waren doch ungleiche Voraussetzungen.“ Sehe ich ganz genau so – obwohl das Spiel von seiner Dramatik her natürlich ein echtes Highlight war und bleibt.

Apropos sehen: Wenn nun gefragt wurde, ob Bruno mitliest (gemeint ist Labbadia), dann muss ich mit einem eindeutigen „Jawoll“ antworten. Er liest mit. Und weil er das tut, nahm er mich nach (!) dem Spiel in Wolfsburg dezent beiseite und erläuterte mir eine Passage in einem meiner Kommentare mal aus seiner Sicht. Das war keine Kritik, aber es war sehr aufschlussreich. Und noch eines zu „Matz ab“. Es stört mich überhaupt nicht, das Gegenteil ist der Fall, wenn Ihr Meinung und Gegenmeinung äußert, das macht die Sache nur lebendiger. Ich glaube, da kommt bei allen Freude auf. Fast so viel wie dieser 4:2-Sieg es bewirkt hat.