Tagesarchiv für den 23. August 2009

Bärenstark

23. August 2009

Da haben sie ihre Visitenkarte auch beim Meister in Wolfsburg abgegeben, die Hamburger Frühstarter. Dritte Minute, siebte Minute, 1:0, 2:0, das konnte sich sehen lassen. Eines muss man Bruno Labbadia ja lassen, er weckt seine Jungs immer schon vor dem Anpfiff auf. Und beim VfL rieben sich zur Pause alle die Augen: Dieser neue HSV ist ja bärenstark! 4:2 in Wolfsburg, dass ist schon super.

Wobei die erste HSV-Herrlichkeit zunächst nur eine Halbzeit dauerte, aber es gab sie. Sogar mit einer so riesigen Überlegenheit, die niemand vorausahnen hätte können. Oder nur träumen. Wobei die Sache eigentlich schon nach 45 Minuten hätte erledigt sein müssen, aber Paolo Guerrero knüpfte nahtlos jene „Form“ an, die er und viele seiner Kollegen beim Abschlusstraining am Sonnabend offenbart hatten. Da schossen er und die anderen unheimliche viele Fahrkarten beim Torschusstraining. Was Guerrero in Wolfsburg dreimal kläglich vergab, das musste sich einfach rächen, und es rächte sich prompt. Schimpfe da nie wieder einer über einen kleinen Amateur auf einem Grandplatz, der solche „Tausendprozentigen“ auslässt, das können nämlich auch Profis – wie nun gesehen – bestens.

Die für viele spannende Frage, ob David Rozehnal oder Collin Benjamin spielen würde, hütete Labbadia bis zuletzt. Dass er den Tschechen bringen würde, lag irgendwie auf der Hand, denn auch für den HSV-Coach gab es nur die eine Frage: Wenn nicht jetzt, wann dann? Und alles ging so auf, wie es sich Labbadia vorgestellt hatte: Rozehnal spielte im Zentrum sauber, beeindruckte durch sein gutes Kopfballspiel, und Boateng zeigte, dass er es überall kann, natürlich auch rechts.

Für mich stellt sich dadurch auch eine Frage: Wie lange kann, wie lange will Bundestrainer Joachim Löw auf ein solches Juwel noch verzichten? Gibt es im Moment einen besseren deutschen Abwehrspieler? Ich sage ganz klar nein. Boateng, der vor der Gelb-Roten Karte stand (da muss er aufpassen!), ist ein Kraftpaket, der nur so vor Kraft strotzt, er hat ein überragendes Stellungsspiel und außerdem ein gutes Auge.

Und vorne beim HSV? Da gibt es einen wie Eljero Elia. Unglaublich. Der spielte seinem Gegenspieler Sascha Riether Knoten in die Beine. Morgen muss einer nach Wolfsburg, der die Knoten wieder auflöst. Dabei sieht Elia so harmlos aus, wenn er sich ohne Ball bewegt. Er geht ein wenig wie einst „Ente“ Lippens. Aber wenn er abgeht wie Schmitz’ Katze, dann ist er wie ein ICE zwischen den Strafräumen unterwegs. So einen wie ihn hatte der HSV noch nie, obwohl: Jonathan Pitroipa und auch Romeo Castelen waren auch einst als „Raketen“ eingekauft worden, konnten ihrem Ruf aber kaum einmal gerecht werden. Kommt da noch was?

Das werden sicher auch viele HSV-Fans in Richtung Piotr Trochowski gefragt haben. Bis er dann ausgewechselt worden ist. Es kam nicht viel. Es kam diesmal sogar fast nichts, aber so ist er eben, der Dribbelkünstler – wenn der Fürst Laune hat. . . Diesmal hatte er keine, das Spiel lief von Beginn an restlos vorbei an ihm, er fand nie seinen Rhythmus. Wobei er zweimal, auch das muss erwähnt werden, ganz frei am VfL-Strafraum stand, aber von den Kollegen mit Ball einfach übersehen wurde. Hätte man ihn da bedient, hätte er sich vielleicht über ein Tor doch noch ins Spiel gekämpft.

Großartig aber auf jeden Fall, wie sich der gesamte HSV wieder ins Spiel zurück kämpfte. In der Phase, als das 2:2 gefallen war, wackelte Hamburg ganz bedenklich, aber kippte nicht um. Im Gegenteil, es wurden die Zähne gezeigt, die Wölfe wurden zurückgebissen. Und zwar kräftig. Armin Veh, der Wolfsburger Trai-ner, hatte ja vor dem Spiel gesagt, dass der HSV ein Meisterschaftsfavorit sei – der Mann hat eben Ahnung vom Fußball.