Tagesarchiv für den 20. August 2009

Die französische Rotation

20. August 2009

Wann gibt es einen Elfmeter? Wenn der Schiedsrichter pfeift! Und wenn er nicht pfeift? Dann wartet er wohl erst darauf, bis ein Körperteil im Krankenhaus wieder angenäht werden muss. Dieser Pole namens Gorski regte mich echt auf, ich gebe es zu, aber zum Glück hat der HSV seine Antwort auf dem Rasen gegeben – 5:1 auswärts, Kompliment. Nicht auszudenken allerdings, wenn dieses Spiel tatsächlich auf des Messers Schneide gestanden hätte – und dann ein so unerfahrener Pfeifenmann. Die Gelbe Karte gegen David Jarolim war eine Frechheit. Es ist ja eine Tatsachenentscheidung, aber normalerweise müsste der HSV diese Fernsehbilder mal an die Uefa schicken, damit sie eine solche „Pfeife“ in Zukunft nicht mehr auf europäischer Bühne ansetzen.

Ansonsten war das ein absolut feiner Abend für Hamburg. Bruno Labbadia hatte sich für die Best-Formation entschieden und tat gut daran. Nur kein unnötiges Risiko, es ging ja um viel. Und nach dem schnellen 3:0 war das ja nur ein besseres Trainingsspielchen gegen Franzosen, die oft versuchten, die HSV-Schienbeine zu polieren – nur sie trafen (zum Glück) relativ selten. Natürlich hätte der HSV eventuell rotieren können, aber so gab es eben die etwas andere Rotation, die französische: Der HSV hielt klug und enorm sicher den Ball, bestimmte jederzeit den Rhythmus, ließ Guingamp fast nach Belieben laufen – und die EA-Spieler rotierten 90 Minuten lang; auf dem Platz, rein mental.

Phasenweise sah es so aus, als sei der HSV einen Mann mehr auf dem Rasen, da wurden Kräfte gespart. Und es war schön, für den HSV und auch für den deutschen Fußball, ein Zwei-Klassen-Unterschied erkennbar. Wobei sich der HSV zu einem Schnell-Starter-Klub entwickelt hat: Freiburg, Düsseldorf, Randers und Dortmund lassen grüßen, für Zuspätkommer gibt es kein Erbarmen.

Gefreut habe ich mich für Super-Mladen Petric. Ihn abzuschreiben ist eben nie ein Thema, er ist kaltschnäuzig und unberechenbar, und er hat eben immer noch seinen berühmten „Killerinstinkt“, den viele Vereine bei ihren Stürmern suchen, aber nie finden werden. Nun kann der Kroate am Sonntag bei seinem Fast-Arbeitgeber VfL Wolfsburg zeigen, was dem Meister entgangen ist. Eine bessere Motivation kann es ja eigentlich gar nicht geben.

Freude kam bei mir auch über das Spiel von David Jarolim auf. Hat jemand gezählt, wie viele Bälle der HSV-Kapitän erobert hat? Die Quote war sicher sensationell. damit hat er nur ein weiteres Mal seine Klasse bewiesen, und wie enorm wertvoll er für diese Mannschaft ist.

Und als Collin Benjamin in der 70. Minute den Platz betrat (für Elia), war meine Freude komplett. Ich bin gewiss kein Benjamin-Fan, eher das Gegenteil ist der Fall, weil ich ihn öfter schon sehr hart kritisiert habe, aber: Ich bin bei jedem Training des HSV von Anfang bis Ende dabei. Dieser Mann, dieser Collin Benjamin, ist bei allen seinen HSV-Trainern meistens nur Ersatz, aber er ergibt sich klaglos in diese Rolle – und er trainiert vorbildlich. Benjamin, der am 1:5 nicht schuldlos war, ist ein Vorzeige-Profi, der es verdient hat, auf seine Einsätze zu kommen, auch wenn er spielerisch nicht unbedingt zur ersten Garnitur gehört. Er gibt aber immer alles.

Und was auch toll in Guingamp lief: Eljero Elia deutete in Frankreich nur gelegentlich an, dass er die neue Rakete vom Volkspark ist. Jetzt können sich die Wolfsburger noch ein wenig zurücklegen und in Sicherheit wiegen. Und dann kann Elia eben in Wolfsburg so richtig abgehen. Man darf gespannt sein, auf dieses Schlagerspiel.

Van der Vaart ist keiner für den HSV

20. August 2009

Irgendwie beginnt das Fußballjahr 2009/2010 eigenartig. Das mag an den neuen Anstoßzeiten liegen, die das Wochenende für „Fußballjunkies“ komplett durcheinander gebracht haben. Vielleicht liegt es aber auch an so skurrilen Freundschaftsspielen, die zur besten Sendezeit im frei empfangbaren Fernsehen mit einem „ran“-Logo, das an den tiefsten Ostblock erinnert, übertragen werden. Was das alles mit dem HSV zu tun hat? Eine Menge, denn beim lockeren 5:0-Jubiläumsspielsieg von Real Madrid bei Borussia Dortmund – das Resultat entwertet den 4:1-Sieg der „Rothosen“ gegen die Borussen etwas, finde ich – konnte man deutlich sehen, warum die Spanier keine Verwendung mehr für Rafael van der Vaart haben. Mit Ronaldo, Benzema, Kaka und Co. sind die „Königlichen“ auf Geschwindigkeit ausgerichtet, und genau in dieser Hinsicht weist van der Vaart seine größten Mängel auf.

Ja, ja, jetzt werden sich wieder die vielen van-der-Vaart-Freunde erzürnen. Der Niederländer sei eine Klasse für sich, der wäre ein fußballerischer Leckerbissen für den HSV, eine Torgarantie. Ich möchte da gar nicht widersprechen. Tatsächlich hat van der Vaart Fähigkeiten, die den meisten Bundesligaprofis (auch vielen des HSV) zu wünschen wären. Er hat die individuelle Qualität, eine Partie zu entscheiden, einen oder DEN Impuls in einem Spitzenspiel zu geben. Aber, und jetzt folgt meine Einschränkung, doch nicht um jeden Preis.

Wenn man sich durch das meist lesenswerte Forum der Supporters klickt, wird einem die Zerrissenheit in der Anhängerschaft des HSV erst so richtig bewusst. Die einen setzen auf die Hoffmannsche Vergünstigungstaktik und glauben fest daran, dass van der Vaart pünktlich zum Ende der Transferperiode am 31. August doch noch in Hamburg auf der Matte stehen wird. Die anderen erinnern an van der Vaarts spanische Abschiedsgelüste mit einigen Verfehlungen (u.a. Fotos im Valencia-Trikot). Und dass sich der „kleine Engel“, den damals viele auch als „millionenschweren Bengel“ bezeichneten, nun auch noch über seinen Berater bei Bayern München angebiedert hat, steigert seinen Stellenwert für den HSV nicht unbedingt.

Es mag jetzt vielleicht etwas nassforsch und naiv klingen, aber ich behaupte kess: Van der Vaart ist Keiner (mehr) für den HSV. Nicht wegen seiner horrenden Gehaltsforderungen (vier Millionen Euro sollten es schon sein – daher wahrscheinlich auch der erste Versuch bei den Bayern), auch nicht wegen seiner damaligen Verfehlungen, sondern wegen seiner Geschwindigkeitsdefizite. Mit Elia und Guerrero hat sich der neue HSV-Trainer Bruno Labbadia für ein bestimmtes, hohes Spieltempo entschieden und auch auf ein System festgelegt, in das van der Vaart nicht richtig passen mag, auch wenn er – das möchte ich noch einmal betonen – ein außergewöhnlicher Profi ist.

Van der Vaart wird einen neuen Arbeitgeber finden, wahrscheinlich sogar in der Bundesliga. Die Bayern könnten ihn wahrscheinlich wirklich gebrauchen, zumal Franck Ribery dann seine Wunschposition im linken Mittelfeld besetzten könnte, würden den Niederländer aber wahrscheinlich nur zum Schnäppchenpreis nehmen. Es ist aber auch denkbar, dass sich der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart noch einmal zu Wort melden werden. Sollte Real den aktuellen Mann ohne Rückennummer – Madrid verzichtete bewusst auf die Zuordnung einer Trikotsnummer als Zeichen der geringen Wertschätzung – wirklich zum Nulltarif ziehen lassen, steht einer baldigen Präsentation van der Vaarts nichts im Wege. Vielleicht prescht aber auch noch ein potenter englischer Verein vor und lockt den Offensivmann, der dringend Spielpraxis vor der WM 2010 benötigt, auf die Insel. Wobei mir schleierhaft wäre, wie van der Vaart das dortige Spieltempo halten soll – vor allem nach seinem jüngsten Jahr als Dauerreservist.

Zurück zum HSV: Es gibt Tausende Fans, die eine spontane Verpflichtung van der Vaarts mit Applaus und Verzückungskommentaren honorieren würden. Der Boulevard hätte seine Holland-Beckhams Sylvie & Rafael wieder, die Vermarktungsmaschinerie würde noch einmal heftig angeschmissen werden. Betrachtet man allein diese Kriterien, stünde einem Wechsel des Niederländers nichts im Wege. Doch die Rechnung sportlicher Nutzen/wirtschaftliches Risiko bliebe nicht ohne Zweifel. Und diesbezüglich konnte sich bislang offenbar weder der Trainer noch der Klubboss zu einer intern und extern eindeutigen Position durchringen. Aber auch das kann sich in diesen eigenartigen Fußballwochen ja noch ändern.

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