Tagesarchiv für den 15. August 2009

Oh, oh! Wie ist das schön!

15. August 2009

Und ich höre Lotto King Karl noch rufen: „Dritte Spielminute, Tor für den HSV, Torschütze. . . oh, oh. . .“ Da hatte Dortmund schon wieder zum 1:1 ausgeglichen. Oh, oh – so Lotto. Und dann doch am Ende: „Oh, wie ist das schön!“ Das war Fußball, das war das großartige Ende der Sommerpause für Hamburg.

Und was für ein Ende! Das war der HSV, so wie ihn jeder Rothosen-Fan sehen will. Engagiert, willig, quirlig, ideenreich, schnell, aggressiv, entschlossen, eine Einheit – und voller Leidenschaft. 4:1 wurde die „Biene Maja“ aus dem Westfälischen abgeledert, da kam, da kommt Freude auf. Freiburg sollte vergessen gemacht werden, Freiburg ist abgehakt.

Im Hexenkessel Nordbank-Arena brodelte es, es herrschte eine Weltklasse-Atmosphäre. Die HSV-Fans gaben alles, die Dortmunder sangen auch noch, als ihr Team schon 1:3 zurück lag – das ist Fußball wie ihn alle lieben. Jeder der 57 000 Zuschauer in der ausverkauften Arena, die dieses Fußball-Fest erlebt haben, kommen wieder, garantiert.

Den Dortmundern wurde phasenweise eine Lektion erteilt, das war eine kostenlose Lehrstunde für Schwarz-Gelb. Großartig beim HSV Jerome Boateng, glanzvoll das Mittelfeld mit dem überragenden Ze Roberto. Was der Brasilianer auf den Volkspark-Rasen zauberte, war Extraklasse. „Ze“ riss das Spiel an sich, er dirigierte und leitete fast jeden gefährlichen Angriff ein – einfach nur herrlich.

Es geht auch ohne „Sechser“, höre ich meine Kritiker schon sagen, aber alle werden gesehen haben, dass David Jarolim den „Sechser“ gegeben hat. Der Kapitän opferte sich für sein Team auf, er spielte defensiver als sonst und erlief sich so viele Bälle. Nur glänzen kann der Tscheche in dieser Rolle kaum, aber er wird es verschmerzen, so lange der HSV gewinnt.

Stark war auch Piotr Trochowski, selbst wenn er vorzeitig ausgewechselt wurde, und super verlief der Einstand von Eljero Elia. Der junge Mann geht ab wie Schmitz’ Katze, an dem wird Fußball-Hamburg noch sehr, sehr viel Freunde haben. Diesmal gibt es kaum etwas zu meckern, wer Dortmund so weghaut, der hat fast alles richtig gemacht.

Einzig die Abwehrfehler, die zum Glück von den Dortmundern nicht genutzt wurden, sorgten für Sorgenfalten bei einigen Fans – und bei Bruno Labbadia. Aber wer trotz allem so dominant spielt, obwohl der junge Schiedsrichter Michael Kempter lange Zeit nicht energisch genug gegen die zu Beginn übel tretenden Dortmunder (vor allem Tinga) durchgriff, der steht vor einer guten Zukunft. Das sehen offenbar die Fans ebenso, denn sie sangen fröhlich: „Deutscher Meister wird nur der HSV.“

Nähkästchen II

15. August 2009

Prominenter Besuch sitzt beim Spiel gegen Dortmund natürlich auch immer auf der Tribüne. Angesagt hat sich diesmal ein ehemaliger Spieler, der einst für beide Vereine gegen den Ball trat. Wobei nicht alle wissen, dass Horst Hrubesch, inzwischen 58 Jahre alt, auch für den BVB kickte. Das war zum Ende seiner Karriere. 1983 ging er zu Standard Lüttich, 1985 für ein weniger erfolgreiches Jahr zur Borussia. Ja, und Hrubesch ist das Stichwort, ich hatte vor einer Woche versprochen, aus dem Nähkästchen zu plaudern, warum Horst Hrubesch neben Franz Beckenbauer der einzige HSV-Spieler geblieben ist, mit dem ich per Sie war. Jetzt, wenige Stunden vor dem Dortmund-Spiel, nutze ich die Gelegenheit, das Geheimnis zu lüften.

1983, nach dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister (heute Champions League), arbeitete ich für eine kleine Zeitung in Schleswig-Holstein, hatte eine HSV-Kolumne, die „Rund um den Lindenhof“ hieß. Ich war nicht mit Athen, zum Spiel gegen Juve, das war zu teuer, ich war auch nicht auf dem Rathausmarkt, als der Pokal präsentiert wurde. Ich wartete im Leistungszentrum Ochsenzoll auf die Helden. Und die kamen irgendwann. Mit dem Pokal. Damit verschwanden sie in der Kabine. Da dauerte es dann. Es dauerte, dauerte und dauerte.

Plötzlich erschien der erste Spieler auf der Bildfläche: Jürgen „Joschi“ Groh. Der Mittelfeldspieler, der auch Wasserträger des HSV genannt wurde, begrüßte mich, denn ich war der einzige Mensch, der dort stand und wartete. Plötzlich packte er mich am Arm und sagte: „Dieter, du kommst jetzt mit und nimmst einen Schluck aus dem Pokal.“ Gesagt getan, wehren war zwecklos. Groh war nicht mehr ganz allein, er hatte offensichtlich schon mehrere Schlucke genommen.

In der Kabine angekommen, sah es dort aus wie nach einem Ein-schlag einer C-Bombe. Überall Klamotten, Blumen, Papier, Handtücher. Ein paar Spieler wie Thomas von Heesen und Bernd Wehmeyer saßen auf den Holzbänken, und Horst Hrubesch zog sich gerade um. Als Groh und ich vor ihm erschienen, schrie Hrubesch den Kollegen an: „Joschi, was soll das? Du weißt genau, dass Journalisten hier unten nichts zu suchen haben – also raus.“ Groh schluckte trocken und entgegnete: „Dieter soll doch nur kurz einen Schluck aus dem Pokal nehmen. . .“ Dann sagte er zu mir: „Los. Dieter, trink.“ Trinken und verschwinden war eins. Ich war dann mal weg. Denn mit Horst Hrubesch war schon damals nicht zu spaßen. Er war, trotz großer Spieler wie Felix Magath, Ditmar Jakobs, Holger Hieronymus, Uli Stein oder auch Manfred Kaltz, der absolute Chef der Mannschaft. Was Hrubesch sagte, war Gesetz. Und er hatte gesagt: raus!
Das saß für alle Zeiten. Jedenfalls für Jahre. Ich machte fortan einen riesigen Bogen um den (dann ehemaligen) Kapitän, denn wenn Blicke töten könnten, wäre ich. . .

Heute sprechen wir natürlich miteinander, das Kopfballungeheuer und ich, er als DFB-Trainer, ich als Journalist. Horst Hrubesch ist stets ein kooperativer Partner – natürlich per Sie.

Übrigens: Es gab in meinen 29 Jahren als HSV-Reporter zwei Spieler, die ich duzte, die mich aber per Sie ansprachen. Einer war Florian Weichert. Den hatte ich einmal – seiner Meinung nach – zu arg kritisiert. Er schrie mich genau an dem Punkt an, an dem mich 1983 Groh gepackt hatte und sagte: „Sie hören von meinem Anwalt.“ Ich sagte: „Du.“ Worauf er ein wenig verwirrt fragte: „Wieso ich?“ Ich sagte: „Wir sind eigentlich per Du“ Weichert bekräftige nochmals: „Sie hören von meinem Anwalt.“ Hörte ich aber nie. Heute lachen wir darüber, denn ab und an treffen wir uns im Osten der Republik, Weichert ist schon lange Sport-Reporter beim MDR.

Zweiter Spieler war Roy Präger. Der sagte bei der Überfahrt ins Trainingslager Norderney, als ich mich ihm vorstellte: „Sie können ruhig du sagen, ich sieze Sie aber.“ Ich: „Wieso das denn? Leiden Sie an Verfolgungswahn bei Journalisten?“ Präger verneinte, er hatte Gründe genereller Art. Aber bei der Rückfahrt mit der Fähre waren wir dann doch per Du. Er hatte seine Prinzipien über Bord geworfen.

So, diese Nähkästchen-Geschichten erhalten sicher noch die eine oder andere Fortsetzung an dieser Stelle bei „Matz ab“, zunächst wünsche ich aber allen ein gutes, erfolgreiches Spiel gegen Dortmund.