Tagesarchiv für den 13. August 2009

Alles heil geblieben

13. August 2009

Die Nationalspieler sind gesund von ihren Länderspielen zurückgekommen. Bis auf eine Schienbeinwunde bei Marcus Berg. Bruno Labbadia aber sagt, dass die Wunde zwar nicht gut aussehen würde, dennoch aber ein Einsatz des Schweden am Sonnabend gegen Borussia Dortmund möglich sein wird. Wobei Berg ja wohl doch nur zunächst auf der Bank sitzen dürfte. Er ist noch nicht bei 100 Prozent.

Das dürfte jetzt auch bei Frank Rost der Fall sein. „Ich spiele nur gegen Dortmund, wenn ich Donnerstag trainiert habe“, hatte der Keeper angekündigt, aber was ist Training? Auf dem Rasen war er nicht, um nach Bällen zu hechten. Rost, der Schmerzen am Fersenbein hat, saß auf dem Fahrrad und fuhr mit Reha-Trainer Markus Günther durch den Volkspark. Das sieht nach Tour de Bahrenfeld aus, aber nicht nach einem Bundesliga-Spiel.

Dann muss es eben Wolfgang Hesl richten, und wie es aussieht, wird er auch seinen Mann stehen, denn im Training macht die Nummer zwei im Tor einen guten Eindruck. Und in den Vorbereitungsspielen überzeugte er ebenfalls. Deshalb sagt Trainer Labbadia auch ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich habe volles Vertrauen zu Wolfgang, er hat gezeigt, dass er es kann.“

Nun gut, dann wird er es in einem richtungsweisenden Spiel zeigen müssen. So würde es wohl auch das neue HSVlive auslegen, denn dort steht über die zweite Mannschaft: „Mit einem 1:1 gegen Meuselwitz gestartet, in den nächsten Wochen wird sich zeigen, wohin der Weg der Mannschaft führt.“ Könnte glatt auch für die Profi-Abteilung gelten.

Bruno Labbadia ist aber vor den kommenden Aufgaben nicht bange, er ist von der Qualität seiner Mannschaft überzeugt: „Wir haben viel Potenzial, wir werden unseren Weg gehen, da habe ich gar keine Sorge. Die Jungs ziehen hervorragend mit, der HSV ist ein großartiger Klub, der beste Voraussetzungen bietet, es passt alles.“

Die Erwartungen der Fans vor dem Dortmund-Spiel sind nicht allzu groß, während der Trainingseinheiten dieser Woche gab es viele skeptische Einwürfe vom Rande zu vernehmen. Aber: Die gibt es ja auch bei „Matz ab“, wo sich schon etliche Kritiker zu Wort gemeldet haben.

Die größte Resonanz gibt es auf Piotr Trochowski, dessen Rolle im Spiel des HSV wohl sehr umstritten ist. Um es klar und deutlich zu sagen, obwohl ich dieses Thema eigentlich nicht noch anheizen wollte: Ich kann durchaus verstehen, dass Trochowski gelegentlich in Frage gestellt wird, denn ab und an ist er tatsächlich in einem Spiel nicht mehr zu sehen.

Aber das gilt doch wohl für fast alle Spieler, oder irre ich mich da? „Z“ hat recht, wenn er von „Troche“ als Langsamstarter spricht, denn so richtig in Fahrt gekommen ist der kleine Dribbelkünstler aus Billstedt doch erst nach der EM in Österreich und der Schweiz, als er nicht einmal zum Einsatz gekommen ist – und er dennoch viele positive Dinge von diesem Turnier mitnahm. Und nun müsste von ihm allmählich auch ein Schritt mehr nach vorne kommen.

Ob Trochowski aber jemals ein herausragender Führungsspieler wird, das vermag ich nicht vorherzusagen. Ich glaube, er wird nie ein Mann sein, der ein Spiel ganz allein entscheidet, weil er das Geschehen an sich gerissen hat. Das ist nicht sein Naturell. „Troche“ muss von einem bestens funktionierenden HSV-Spiel getragen und beflügelt werden, dann ist er ein ganz „Großer“.

Und, bitte jetzt nicht lächeln, ich habe ihn bei der EM 2008 erlebt. Immer nur während der Halbzeitpause (oder vor dem Spiel). Was er dort auf den Rasen gezaubert hat, das hatte ein Hauch von Maradona. Mit seinen vielen unglaublichen Tricks könnte Trochowski im „Hansa-Theater“ für Geld auftreten, eine solche perfekte Ballbeherrschung hat beim HSV kaum ein zweiter. Ich habe ihn damals, im Trainingscamp des DFB in Ascona, häufig wegen seiner Kunststücke gelobt, er hatte geantwortet: „Das ist die einzige Möglichkeit, auf mich aufmerksam zu machen.“

Natürlich weiß ich, bevor alle auf mich eindreschen, dass Kunststücke am Ball und Kunststücke während eines Bundesliga-Spiels etwas anderes sind, zwei verschiedene paar Schuhe, aber ich will damit ja auch nur sagen, dass er beste Voraussetzungen hat, ein riesiger Kicker beim HSV zu sein – oder zu werden. Beim HSV, wohlgemerkt, ich halte absolut nichts davon, dass er vom Ausland träumt. Da muss er noch viel stabiler werden in seinen Leistungen.

Übrigens: Davon, „Troche“ zum Kapitän zu machen, halte ich gar nichts. So weit ist er noch lange nicht. Und England? Da geht es zur Sache, da wird Hochgeschwindigkeitsfußball gespielt, da würde er (im Moment jedenfalls) noch hoffnungslos untergehen. Und seien wir ehrlich: Wo ist Rafael van der Vaart abgeblieben? Der groß, der gigantische van der Vaart?

Nicht wenige, ich kenne allein in dieser Sportredaktion fünf Leute, haben ihm genau dieses Schicksal, das er jetzt bei Real durchlebt, prophezeit. Genau das! Schuster, bleib bei deinem Leisten – kann ich nur sagen. Ich glaube, Trochowski gehört zum HSV, da ist er bestens aufgehoben, dort kann er auch gutes Geld verdienen. Und er ist in Hamburg – trotz aller Kritiker – eine Nummer.

Zurück noch kurz zu van der Vaart: Was da von ablösefrei und alle anderen Nebengeräusche gesprochen und geschrieben wird, ist doch unwichtig. Selbst wenn sich der Papst einschalten sollte (was er nicht tun wird!), könnte Real nicht auf einige Euro-Scheine verzichten. Die Spanier machen schon Schulden in Millionenhöhe, aber so dicke haben sie es dann doch nicht, um den Niederländer zu verschenken. Also, ganz klar: das wird, trotz anderslautender Forderungen, niemals passieren. Und deswegen wird der HSV auch weiter bei van der Vaart nicht zugreifen. So sehr ich, so sehr alle das bedauern. Allein das Gehalt des „kleinen Engels“ würde den Etat sprengen.

So, tief durchatmen, ganz kurz komme ich, auch wenn ich viel zu lang werde, noch zu (m)einem Lieblingsthema: David Jarolim. Dass er dem Tempo-Fußball des HSV im Wege stehen könnte, halte ich für völlig aus der Luft gegriffen. Natürlich hält er oftmals (zu) lange den Ball, natürlich ist er nicht der Typ, der das Direktspiel bevorzugt, aber stört er deswegen beim Spielaufbau? Denkt doch bitte einmal daran, was in Freiburg lief? Der Ball nämlich. Von links nach rechts – und zurück. Demel zu Mathijsen, der zu Boateng, der zu Aogo, der wieder zurück zu Mathijsen. Oder, jedes zweite Mal, zu Rost. Raumgewinn? Null!

Und wo war Jarolim in diesem Reigen? Nein, nein, „Jaro“ zerreißt sich in jedem Spiel, auch in solchen, in denen bei ihm fußballerisch nicht viel läuft (was selten genug der Fall ist), der Kapitän trägt die Binde völlig zu recht – und ist für mich ein Vorbild-Profi. Wenn er schlecht spielt, bekam auch „Jaro“ von mir schlechte Noten, was ihm nicht immer gefiel, aber da musste er durch. Und er kam da auch durch.

Er wird aber bis zum Ende seiner Zeit in Hamburg ein vorbildlicher Bundesliga-Spieler bleiben, denn: In 29 Jahren als HSV-Reporter habe ich so manchen Profi erlebt, der auf dem Rasen die anderen (Kollegen) machen ließ – und dann erst hinterher zur Tat schritt. Mündlich allerdings nur. Ob der HSV inzwischen von solchen Spieler-Typen frei ist? Sicher bin ich mir da im Moment nicht. Das wird sich wohl am Sonnabend von 15.30 Uhr an zeigen.