Es gibt viele Baustellen

8. Februar 2010

Entscheidend is auff’m Platz. Weiß inzwischen jeder Fußballer. Wir wissen zwar auch, dass ein Trainer am Rande (und vom Rande aus) durchaus helfend eingreifen könnte, aber „auff’m Platz“ haben (und tragen) die Spieler die Verantwortung. Daran haperte es zuletzt aber auch. Mehr oder minder deutlich, denn ganz offensichtlich ist es ja so, dass einige Stammspieler zurzeit nicht bei 100 Prozent sind. Paradebeispiele sind dafür beide Innenverteidiger. Beide! David Rozehnal spielt mitunter nicht schlecht, auf keinen Fall schlechter als sein Nebenmann Joris Mathijsen, aber der Tscheche leistet sich eben pro Spiel einige „Klopse“, die einem Profi und Nationalspieler seiner Güte ganz einfach nicht passieren dürften.

Wie in Köln: Erste Halbzeit ein katastrophaler Fehlpass, der fast zu einem Gegentor geführt hätte. Und im zweiten Durchgang wollte er einen Ball nach vorne befördern, traf ihn aber so unglücklich, dass der (fast) über das Tribünendach hinaus stieg, um dort mal frische Luft zu holen. Dass Rozehnal dann den Ball beim späten 3:3 unglücklich abfälschte, war Schicksal, aber für ihn eben auch nicht untypisch. Wenn einer den Ball abfälscht, dann ist es er.

Aber: Sein „Nachbar“ Joris Mathijsen ist ebenfalls nicht in bester Verfassung. Oder anders herum: Er ist in eher schlechter Verfassung. Der „Dauerbrenner“ wirkt etwas überspielt, oder sogar etwas mehr. Er wirkte schon immer etwas langsamer als einige seiner Kollegen, aber nun zeigt er auch von ihm bislang kaum gekannte Konzentrationsschwächen. Gegen Wolfsburg (1:1) ließ er sich beim 0:1 von Dzeko austanzen, in Köln waren seine Klammerversuche beim 1:1 gegen Mohamad untauglich, und auch schon vor diesem Tor hatte er – hinter dem Mann stehend – wie in Ringer geklammert, als ein Ball der Kölner nur hauchdünn am HSV-Tor vorbeirollte. Souverän ist etwas anderes, aber in Hamburg wird Mathijsen immer noch – auch nicht zu Unrecht, gebe ich zu – in Schutz genommen. Rozehnal ist eben der böse Bube in der Innenverteidigung, Mathijsen der Fels in der Brandung.

Wobei sich die Stimmen mehren, die eine Erklärung für Mathijsens augenblickliche Schwäche haben: Der niederländische Nationalspieler spielt immer dann besser, quasi wie die Bank von England, wenn Jerome Boateng neben ihm spielt – und nicht Rozehnal. Mit anderen Worten: Der Tscheche steckt Mathijsen mit seinen Unsicherheiten an, und auch im Stellungsspiel ist Boateng der klar Bessere. Was zur Folge hätte, dass Bruno Labbadia im nächsten Spiel, beim wieder erstarkten VfB Stuttgart, auf die Innenverteidigung Boateng/Mathijsen setzen sollte, damit es einen erfolgreichen HSV-Betriebsausflug ins Ländle gibt.

Ein weiterer Schwachpunkt beim HSV ist die rechte Seite in der Viererkette. Guy Demel war schon in der Hinrunde weit von seiner Bestform entfernt, und nun wirkt er so, als hätte er beim Afrika Cup zuviel Kraft gelassen. Auf jeden Fall ist der Ivorer in der Verfassung von Köln keine Hilfe für den HSV. Trotz aller Sympathiebekundungen der HSV-Fans: „Giiiiiiiiiiiiiiiieeeee.“ Auf welche gute, oder auch sehr gute Vorstellung Demels diese Rufe zurückgehen, ist mir zwar rätselhaft (vielleicht, weil dort mal Meeeeeeeeeddiiiiiiiiiiee-Rufe Mode waren?), auf jeden Fall aber beflügeln sie den Abwehrmann nicht besonders. Andere werden von solchen „Fan-Liebkosungen“ getragen, Guy Demel aber kommt ganz einfach nicht in Schwung. Ich behaupte sogar, dass Tomas Rincon, der ganz sicher kein Rechtsverteidiger ist, dort seine Arbeit wesentlich besser verrichten würde, als jetzt Demel.

Kommen wir zu den „Sechsern“. Auf mich wirkte Rincon in Köln nicht so souverän und gut, wie er es zum Ende und auch zu Beginn des Jahres war. Um es genauer zu sagen: Er wirkte auf mich ein wenig verunsichert. Weil auch die Nebenleute alles andere als souverän spielen? Könnte ein Grund sein. Im Zerstören war er im Rheinland zwar ganz okay, aber fußballerisch hatte er schon mehr zu bieten. Dennoch will ich an ihm nicht herummäkeln, er war und ist in den letzten Wochen und Monaten die erfreulichste Entwicklung beim HSV.

Eine Position daneben spielt der Kapitän. David Jarolim ist ein für mich ganz besonderes Thema. In Dortmund wurde er in der 84. Minuten ausgewechselt, in Hamburg gegen den VfL Wolfsburg musste er in der 78. Minute auf Geheiß des Trainers vom Platz. Das verunsichert. Besonders einen Kapitän. Und einen David Jarolim, für mich der Vorbild-Profi Nummer eins des HSV, vielleicht noch mehr, denn er war es bis dato gewöhnt, immer alles bis zur 90. Minute für den HSV zu geben. In Köln spielte der Tscheche eine sehr gute erste Halbzeit, dann trat er kaum noch so auffällig in Erscheinung, als dass er gelobt werden müsste.

Die Frage ist nur, wieso? Akku leer? Oder Nebenleute zu schwach, und er kann es allein auch nicht ausrichten? Oder handelt es sich um eine kleine Formkrise? Letzteres würde ich ausschließen. Ich glaube ganz einfach, dass „Jaro“ verunsichert ist. Und weil das so ist, ist er auf dem rasen auch sehr oft mit sich beschäftigt, kann kaum Einfluss auf dass Spiel seiner Kollegen nehmen. Und weil dass denn auch so ist, fehlt ein Spieler auf dem Platz, der dann das Kommando übernimmt, wenn das Schiff am Sinken ist. Frank Rost wäre einer, der das könnte, aber der steht zu weit hinten. Und auf dem Rasen ist sonst weit und breit keiner, der das Sagen hätte. Einer, der brüllt, der schreit, der meckert, der motiviert, der mitreißt. So wie einst Uwe Seeler, der diese Rolle einst perfektioniert hat. Oder wie Horst Hrubesch, der nur einmal seinen Mund aufmachen musste – und alle parierten und rissen sich wieder zusammen. Ich glaube sogar, dass das ein ganz großes Manko des HSV 2010 ist, vielleicht sogar das größte. In Belek, im türkischen Trainingslager, hatte Bruno Labbadia schon damit begonnen, mehr verbale Unterstützung voneinander einzufordern, aber es trug bislang wenige Früchte. Es herrscht weiter das Schweigen im Walde. Während der Spiele jedenfalls. Im Training geht es mitunter recht heftig zu – verbal.

Daran aber kann der Trainer auch kaum noch etwas ändern, höchstens zur nächsten Saison. Dann könnte der HSV einen Mann wie Mark van Bommel kaufen, der so etwas in allen Lebenslagen kann.

Über Piotr Trochowski ist an dieser Stelle schon oft geschrieben worden, ich werde ihn (diesmal) auslassen. Und Marcus Berg stand auch schon oft genug bei „Matz ab“ im Blickpunkt. Ein kurzer Schwenk zu ihm: Der junge Schwede (23) unterliegt weiterhin großen Schwankungen. In Köln, das behaupte ich, begann er gut, aber das hielt nur bis zu seiner großen Tormöglichkeit an. Als er den Ball in der Anfangsphase – frei vor Torwart Mondragon stehend – am Kölner Tor vorbei schoss, ging es auch mit ihm rapide „Berg ab“. Aber, ich wiederhole mich, das ist normal. Insgesamt macht Berg auf mich einen deutlich mehr engagierten Eindruck, als noch im Herbst 2009.

Insgesamt aber hat Bruno Labbadia noch viel, viel Arbeit vor sich, um im Sommer ein gutes und versöhnliches Ende zu erreichen. Er wird sicher alles daran setzen, das ist auch kein Thema für mich, denn Labbadia lebt Fußball. Für mich wäre es aber auch dann besonders schön, wenn der HSV-Trainer nicht nur seiner Mannschaft erzählen würde, wie toll der 1. FC Köln Standards vor das Hamburger Tor schlagen kann, sondern wenn er es seinen HSV-Profis eines Tages auch beibringen könnte, dass sie es schließlich genauso gut beherrschen, wie der so gelobte und gefährliche 1. FC Köln. Und wie schön wäre es doch, wenn zum Beispiel Bastian Schweinsteiger nach dem Bayern-Spiel sagen würde: „Das nervt. Die ganze Woche hat uns Trainer van Gaal davor gewarnt, dass der HSV so gefährliche Standards schießt – und trotzdem bekommen wir drei von diesen Dingern rein. Das geht ja gar nicht!“

Quintessenz: Es gibt viele Baustellen beim HSV. Pack’ es an, Bruno!

Übrigens: Zu den (zu späten) Wechseln des HSV – die vorherige Geschichte also – sei diese kurze Statistik noch einmal nachgeliefert.
Fünf Spieler sind da zu nennen:

Eljero Elia. Rein: 70. Min. Raus: 79., 90., 90., 86., 89., 76., 89. Min.

Piotr Trochowski: Raus: 70., 69., 68., 87., 81., 90., 68., 90., 76., 73., 83. Min.

Marcus Berg: Rein: 69., 78., 87., 71., 73., 76., 90., 77. Min.; Raus: 90., 78.

Jonathan Pitroipa: Rein: 79., 90., 90., 78., 85., 84. Min.; Raus: 78., 85..

Robert Tesche: Rein: 90., 87., 86., 90., 90., 79., 89. Min.

Diese Daten gelten nur für Bundesliga-Spiele.

17.34 Uhr

Zeichen setzen – Impulse geben

7. Februar 2010

Der HSV hat von vier Spielen 2010 nur eines verloren. Der HSV hat von vier Spielen 2010 auch nur eines gewonnen. Der HSV hat aus zuletzt drei Spielen, wo neun Punkte möglich waren, nur zwei geholt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen also wieder einmal stark auseinander. Das ist Fakt. Von Euch ist dazu viel, sehr viel geschrieben worden. Der Kopf des Trainers wurde oft gefordert, was in meinen Augen völlig daneben ist. Nur ein Grund, warum ich das für Blödsinn halte: Hätte Marcell Jansen in Köln seine beiden „Hundertprozentigen“ genutzt, dann hätten alle gejubelt und Karneval gefeiert, dann hätte niemand über den Trainer gesprochen. Geschweige denn, seine Entlassung gefordert. Aber zu diesem Thema komme ich in wenigen Augenblicken.

Einen Aspekt haben alle „Matz-abber“ nach diesem 3:3-Theater in ihren Beiträgen noch total außer Acht gelassen: Hoffmann. Ich meine Bernd Hoffmann, den Vorstandsvorsitzenden des HSV. Ihr glaubt doch nicht, dass dieser Mann, der für mich schon so etwas wie überehrgeizig ist, es sich (noch) lange ansehen wird, dass es mit dem Klub eher nach unten statt noch oben geht! Bernd Hoffmann wird, so schätze ich ihn ein, ohne Ansehen der Personen handeln, wenn es nicht so läuft, wie er sich das wünscht und vorgestellt hat. Da bin ich mir absolut sicher. Und wenn Bernd Hoffmann der Meinung ist, dass ein Mann oder eine Person dem Erfolg des HSV im Wege stünde, dann wird geopfert. Hundertprozentig! Hoffmann will den HSV nach oben bringen, er hat es vor Jahren angekündigt (und versprochen), er wird dieses Ziel beharrlich verfolgen, er wird handeln, klar, kompromisslos, unmissverständlich und auch mit der nötigen Härte.

Nun zu jenem Thema, das Euch am meisten unter den Nägeln zu brennen scheint: Bruno Labbadia. Ich habe, das einmal vorweg, keine Angst, dass ich kein Interview mehr von ihm bekomme, ich habe in dieser Saison auch noch kein exklusives von ihm erhalten (im Gegensatz zu anderen Kollegen) – also daran wird es nicht liegen, wenn ich ihn Eurer Meinung nach „nicht hart genug“ anfasse. Es muss sachlich bleiben, und, das fordern alle Trainer, es muss konstruktive Kritik sein, immer oberhalb der Gürtellinie. Danach wollte ich in meinem Berufsleben immer gehandelt haben, ich hoffe auch, dass es mir in den meisten Fällen gelungen ist.

Damit möchte ich nun beginnen. Ohne etwas zu verschleiern oder zu verharmlosen.

Fest steht für mich, dass der HSV-Trainer (Labbadia) eine Wechsel-Phobie hat. Ich glaube, dass er in diesem Punkt seine größte Schwäche hat. Und es bringt nicht nur Euch damit auf die Palme, sondern auch mich, das gebe ich ehrlich zu. Man kann nicht eine Mannschaft aufstellen und dann zusehen, bis sie sich zur 88. Minute, vielleicht sogar bis zu 89. Minute „durchwurstelt“. Als Trainer hat man die Chance, frühzeitig auf gewisse Schwächen oder Defizite zu reagieren. Auswechseln bedeutet dann für mich: Zeichen setzen, Impulse geben, Schwachstellen ausmerzen. Jede Auswechslung zur rechten Zeit ist für mich auch immer so etwas wie eine kleine Auszeit gewesen. Und so ist es für mich auch bis heute geblieben, denn: Der Trainer stellt den einzuwechselnden Spieler auf seine Rolle ein, er macht ihn heiß, und er will damit das Team stärken, denn sonst würde er ihn wohl kaum bringen.

Bruno Labbadia aber hat es offenbar schon in Leverkusen nicht gekonnt, und er knüpft in diesem Punkt nahtlos auch beim HSV an. Zur Erinnerung: Bei der 0:1-Niederlage in Dortmund fiel Tunay Torun in der ersten Halbzeit schon krass ab. Das kann und darf einem jungen Mann durchaus passieren, keinerlei Vorwurf. Aber der Trainer muss es erkennen, und er sollte, weil er dreimal wechseln darf, frühzeitig, also bei Halbzeit, reagieren. In Dortmund geschah aber nichts. Im Pausengespräch wurde Co-Trainer Eddy Sözer vom Sky-Reporter gefragt, ob es Wechsel beim HSV geben würde, aber der Assistent antwortete: „Nein, diese Mannschaft hat unser Vertrauen . . .“

Vertrauen? Das kann in meinen Augen aber nur bis zum Anpfiff gelten. Wenn es einen oder mehrere Spieler gibt, die ihre Leistung nicht bringen, dann galt diese Vertrauen eben nur bis zu dem Zeitpunkt des Auswechselns. Das hat ja nichts mit einer endgültigen Verbannung aus dem Team zu tun, es ist eben nur eine Momentaufnahme, weil es jetzt und an diesem Tag und in diesem Spiel eben nicht gepasst hat. Nächste Woche kann das schon wieder ganz anders sein. Das weiß doch auch jeder Spieler (aus Erfahrung). Also, mit Vertrauen kann, darf und sollte es nichts zu tun haben, wenn ein Trainer eine Mannschaft auch zum zweiten Durchgang unverändert auf dem Platz lässt, obwohl er erkennen müsste, dass es deutliche Schwächen in seinem Team gibt.

Er muss reagieren. Er muss es ganz einfach. Labbadia aber tut sich da unheimlich schwer. Und Eddy Sözer offenbar auch, denn sonst würde er seinem „Chef“ wohl schon längst einmal auf die Füße getreten sein, um diesen Umstand zu ändern – zu beenden. Loyalität ist zwar alles schön und gut, aber hier geht es um ganz andere Dinge. Es geht um den HSV, um Erfolg, um das Image eines Traditionsklubs, um Ziele, um Titel, um Millionen. Und da müssen einmal auch klare, wenn nötig auch deftige oder rustikale Worte fallen dürfen.

Es ist ja nicht so, dass nur ich allein im Stadion erkenne, dass die Wechsel meistens zu spät (und auch falsch) erfolgen. Ihr schreibt es seit Wochen, vielleicht sogar seit Monaten, meine Kollegen sehen es, selbst diejenigen, die dem Gegner zugetan sind, die sehen es. Es ist also keine Erfindung von mir, es ist Tatsache. Und damit einmal konstruktive Kritik geäußert wird, schreibe ich das auf. Wissend, dass Bruno Labbadia hier mitlesen könnte, mitlesen wird. Er sollte im stillen Kämmerlein seine Lehren daraus ziehen.

Womit ich, das sei deutlich gesagt, keine Entlassung des Trainers – der ja einen Drei-Jahres-Vertrag mit dem HSV unterzeichnet hat – forcieren will, ich will auch nichts fordern. Labbadia ist klug genug, noch zu lernen. Ich habe es hier schon einmal geschrieben: Als Benno Möhlmann einst HSV-Trainer war und in einer Mini-Krise gefragt wurde, warum er nicht dies und jenes mache, antwortete er entwaffnend ehrlich: „Mensch, ich bin noch ein junger Trainer, ich lerne doch noch jeden Tag das eine oder andere . . .“ Wenn ein Trainer dann lernfähig ist, oder sich lernfähig zeigt, dann ist es ja noch nicht zu spät. Ich setze da ganz einfach auch auf Labbadias Ehrgeiz, denn den hat er, und zwar ohne Ende. Der Mann kniet sich hier rein, der ist in jeder Lage akribisch, der gibt alles. Und der will, das sei auch noch einmal festgehalten, vielleicht sogar manchmal etwas zuviel des Guten.

Das hat nun Marcell Jansen nach dem Köln-Spiel verraten. Der Nationalspieler, seit Wochen eine große Stütze des HSV, sagte nach dem Duschen: „Ich weiß nicht, was hier in Köln gefehlt hat, das müssen wir analysieren. Über die Standards der Kölner haben wir die ganze Woche über geredet, vielleicht zuviel darüber geredet, wo deren Stärken sind. So dass wir bei jeder Standardsituation gedacht haben, dass es jetzt wohl gefährlich wird. Manchmal muss man es nur einmal ansprechen, und dann ist es auch gut.“ Jansens Quintessenz: „Mannschaft und Trainer-Team sollten sich darüber unterhalten und beide Seiten anhören, woran es liegen könnte.“

Jansen sei Dank für diese mutigen und offenen Worte. Ich finde diesen Vorstoß sehr bemerkenswert, tue ihn auch nicht einfach mit einer lästigen Handbewegung ab. Alle, Mannschaft und Trainer-Team, sollten sich darüber so schnell wie möglich ihre Gedanken machen – und austauschen. Vielleicht sogar im Zusammenspiel mit Bernd Hoffmann.

Und eventuell auch über die (fehlenden) Wechsel diskutieren. Weshalb Robert Tesche und Ruud van Nistelrooy noch in der 89. Minute kamen, vermag ich nicht zu erklären. Ja, ich gebe zu, ich bin absolut ratlos. Im ersten Moment habe ich es als Scherz aufgefasst, habe von einer anderen Art des „Zeitschindens“ gesprochen. War es das eventuell sogar?

Und dass Eljero Elia, den ja nicht nur ich erneut schwach gesehen habe, noch einmal (wie Torun damals in Dortmund) zur zweiten Halbzeit auf den Rasen kam, erschloss sich mir auch nicht. Jeder konnte sehen, dass er sich auf der rechten Seite nicht wohl fühlt, aber es gab keine Konsequenzen. Selbst wenn Labbadia Elia nicht aus dem Team nehmen wollte, dann hätte er ihn nach vorne (neben Petric) stellen und dafür Marcus Berg (bei dem auch wenig lief) in die Kabine schicken können. Ja, können.

Bruno Labbadia hatte in seinem Resümee in Köln noch davon gesprochen, dass seine Mannschaft gleich zweimal das Fußball spielen eingestellt hatte: Nach dem 1:0 und nach dem 3.1. Es muss die Enttäuschung gewesen sein, die ihn zu einer solchen Aussage bewogen haben dürfte, denn das stimmte so ganz sicher nicht. Nach dem 1:0 gab es Chancen auf das 2:0 (Marcus Berg vergab eine fast hundertprozentige), und nach dem 3:1 war auch ein 5:1 oder 6:1 möglich. Ich schiebe diese Erkenntnis des Trainers auf seine große Verbitterung, dass es auch diesmal nicht zu einem „Dreier“ gelangt hatte.

Am Tag danach wurde Bruno Labbadia dann noch mit den kritischen Worten Jansens konfrontiert. Der Trainer lächelnd. „Was soll ich dem noch hinzufügen . . ?“ Vielleicht wird er es demnächst doch noch machen müssen, wer weiß? Immerhin gab Labbadia zu: „Die Punktzahl in der Rückrunde ist nicht gut, definitiv, aber bis auf die Partie in Dortmund haben wir alle Spiele bestimmt, aber zu wenig Ergebnisse heraus bekommen. Es stimmt mich aber zuversichtlich, wie wir den Gegner dominieren, wie wir spielen – es liegt also an uns selbst, Ergebnisse einzufahren.“ Am nächsten Sonnabend in Stuttgart!

Anderes Thema: Wenn ich hier immer wieder als Trochowski-Freund auffalle und angeprangert werde (ich sitze auch jetzt nicht mit ihm an einem Tisch, im Gegenteil): Ich hätte den Nationalspieler in der Tat viel lieber viel früher auf dem Platz gesehen, als erst von der 80. Minute an. Warum? Bitte lasst es Euch nur noch einmal gesagt sein: Er kann einen Ball halten, er könnte Ruhe in ein Spiel bringen, das dem HSV gerade zu entgleiten droht, er kann mit einem Dribbling auch mal eine Lücke reißen, er könnte zur Not auch einmal schießen – wie gegen Wolfsburg. Da alles kann er aber kaum noch auf die letzten zehn Minuten, schon gar nicht in der jetzigen Phase: Der Mann will zur WM 2010 (!), er will sich mit guten Spielen empfehlen, findet sich aber auf der Bank wieder. Ob er vielleicht denkt, dass ihm die Zeit davonlaufen könnte? Kann ich mir durchaus vorstellen. Und dann verkrampft man. Ja, selbst ein so selbstbewusster Spieler wie Trochowski! Zumal der noch von dem einen oder anderen Trainer-Lob erfahren haben dürfte (aus den Medien), denn Labbadia sagte sowohl am Donnerstag als auch am Freitag, dass ihm die Antwort, die ihm Trochowski auf dem Platz gegeben habe, durchaus gefalle.

Und noch eines sage ich deutlich: Ich bin nicht der einzige „Schreiberling“ (von den Kollegen gab es für dieses Wort schon Schelte, ist aber nicht böse gemeint), der sowohl am Donnerstag als auch am Freitag festgestellt hat, dass von Elia in den beiden Trainingseinheiten nichts zu sehen gewesen war. Auch hier muss ich deutlich sagen: im Gegenteil. Zu Elia sei noch bemerkt: Er ist nach eigenem Bekunden noch immer nicht ohne Schmerzen (seit dem Mainz-Tritt), vielleicht ist das zurzeit sein großes Handicap.

So, es gibt, das ist mir durchaus bewusst, noch einige offene Fragen ob dieser Kölner Vorstellung des HSV, aber ich will hier kein Buch verfassen. Ich werde auf weitere Defizite demnächst noch näher eingehen. Nur eines möchte ich nochmals ausdrücklich festhalten: Ich wollte hiermit konstruktive Kritik üben, ich bin definitiv gegen eine Trainer-Entlassung. Mich stört sogar schon eine solche Diskussion. Labbadia ist absolut kein Thema für mich, diese Frage stellt sich mir auch nicht, denn: Der HSV steht immer noch in der Bundesliga-Spitze. Und weil das so ist, gibt es in der Liga auch nur einen Klub, der sich eine Trainer-Entlassung bei Platz fünf erlauben darf: Bayern München (geschehen im Fall Felix Magath). Außerdem: Solche Spiele, wie dieses nun in Köln, hat es auch schon unter Könnern wie Martin Jol, Huub Stevens und Thomas Doll gegeben, und auch bei allen anderen Labbadia-Vorgängern.

Zwei kleine Anmerkungen am Rande: Ihr habt es richtig gesehen, ich „nur“ einmal live im Stadion (und diesmal nicht am Monitor, denn es gab in Köln keine): Das Foul, das zum Freistoß für den 1. FC Köln und damit zum 2:3 führte, war natürlich keines. Doch ich will hier nicht schon wieder Schiedsrichter-Schelte betreiben, denn diese Herren (in diesem Fall Michael Weiner) machen natürlich auch den einen oder anderen Fehler – wie zum Beispiel Marcell Jansen, der seine beiden Hundertprozentigen nicht nutzte.

Und: Jerome Boateng hat sich bei dem Jansen-Foul beim Training am Freitag „nur“ ein Hämatom am rechten Knöchel zugezogen, aber es ist nichts gebrochen oder nichts gerissen. Damit besteht die Hoffnung, dass er am Sonnabend in Stuttgart wieder (dann in der Innenverteidigung?) spielen kann.

17.41 Uhr

3:3 – das war der Wahnsinn!

6. Februar 2010

 

Das war bitter. 3:1 beim 1. FC Köln geführt, es ging nur noch um die Frage der Höhe des Sieges, und dann doch nur ein 3:3. Wie konnte das geschehen? Ein Wahnsinn! Wieder einmal ein verschenkter Sieg des HSV, der über weite Strecken besser war, aber es versäumte, rechtzeitig für klare Verhältnisse zu sorgen. Und der es nicht schaffte, Ruhe in dieses Spiel zu bekommen. Ein abgefälschter Schuss von Chihi sorgte in der 88. Minute noch für ein 3:3, das von den Kölnern wie ein Sieg gefeiert wurde. Die HSV-Spieler dagegen gingen mit hängenden Köpfen in die Kabine. Die Chance auf Platz drei – von mehr ist ja gar keine Rede mehr – wurde wieder einmal vertan, so geht es nur darum, unter die ersten fünf zu kommen. Wahnsinn! Aber so ist Fußball! 

Die Frühstarter waren wieder unterwegs. Bereist in der ersten Minute legte David Jarolim den Ball von der Torauslinie zurück an die Strafraumgrenze, dort hatte Eljero Elia freie Schussbahn – und trat am Ball vorbei. 60 Sekunden später aber lag der Ball dann doch im Kölner Netz. Mladen Petric, der trotz eines Kapselanrisses im rechten Knie spielen konnte (er wurde vor dem Spiel getestet), schoss mit rechts, eigentlich nicht besonders gefährlich, aber Kölns Torwart Mandragon machte noch etwas aus diesem Schuss. Der Ball prallte ab, Marcell Jansen setzte nach und schoss auch mit rechts. Was heißt schoss? Er streichelte die Kugel über die Linie. Am liebsten hätte ich eine ganze Bäckerei hinter diesem Ball her geworfen, damit er nicht vor der Linie verhungert. Passierte zum Glück für Hamburg nicht.

Perfekter Start. Und der HSV gab weiter Gas, spielte überlegen, drückte, spielte schwungvoll. Und hatte in der 7. Minute das 2:0 auf dem Fuß. In Person von Marcus Berg. Guy Demel, der auf mich so wirkt, als hätte er einige Kilos verloren (gab es beim Afrika-Cup nichts zu essen?) schickte Berg, der kreuzte allein vor dem FC-Tor auf, doch der anschließende Schuss verfehlte sein Ziel, der Ball strich am langen Eck vorbei.

Der HSV machte zu diesem Zeitpunkt richtig Spaß. Bis auf Elia, der krass abfiel, waren alle bei der Sache, sprühten vor Spiellust, waren konzentriert und engagiert. Auffällig gut, wie Kapitän Jarolim antizipierte, er hat einen besonderen Blick dafür entwickelt, wie er dem Gegner den Ball abluchsen kann: Unmittelbar nach der Ballannahme (in diesem Fall eines Kölners) schnappt er zu, wenn der Gegenspieler die Kugel nicht unbedingt perfekt am Fuß hat. Der zweite Versuch, den Ball zu kontrollieren, der ist dann zu viel, weil „Jaro“ zur Stelle ist und – und ab geht die Post!

Sehr gut gefiel mir auch der zweite Eckstoß des HSV. Dennis Aogo von rechts, alles wartete in der Mitte auf den Ball, der wurde aber zurück auf Demel gelegt, und der flankte dann aus dem Halbfeld – wurde gefährlich.

Halb gefährlich jedenfalls. Am langen Pfosten spielte Berg dann wieder einmal unsauber (Ihr hattet es zuletzt angemerkt!), abgepfiffen, Chance vertan. Der Schwede leistet sich in der Tat zu viele kleine Unsauberkeiten, die abgepfiffen werden, und fatal ist dabei: Er hätte es gar nicht nötig.

Schmerzlich vermisst habe ich Piotr Trochowski, der neben Ruud van Nistelrooy auf der Bank saß. Dabei hatte ihn der Trainer in der Woche noch gelobt, ob seiner Reaktion nach der Verbannung gegen Wolfsburg. Und dann durfte Elia wieder einmal zeigen, dass er auf rechts keine große Lust hat. Obwohl? Rechts war Elia die wenigste Zeit. Er lief eigentlich immer frühzeitig in die Mitte. Und: Nichts gelang dem Niederländer dabei, nichts – aber er durfte zur zweiten Halbzeit wieder auf den Rasen – statt unter die Dusche.

Mitte des ersten Durchgangs übrigens ließ der HSV etwas nach, spielte ein wenig zu lässig, vielleicht auch zu pomadig. Prompt hatte Köln eine riesige Chance, doch Frank Rost rettete zweimal riesig gegen den Kölner Freis, der frei vor ihm aufgekreuzt war.

Ein Wort schon in dieser Phase zu Schiedsrichter Michael Weiner. Er beging keine großen Fehler, aber was mich sehr störte, das waren seine Nachlässigkeiten in Sachen Tatortbestimmung. Oft zeigte er den Kölnern genau, wo sie den Ball bei einem Freistoß hinzulegen hätten, aber die störte das in keiner Weise. Sie rollten die Kugel dorthin, wo sie sie haben wollten, und der Unparteiische blickte zur Seite. Schade. Wenn er konsequent gewesen wäre, dann hätten es die Kölner vielleicht frühzeitig begriffen, was Sache ist.

In der 31. Minute hieß es 1:1. Wieder einmal ein Freistoß für Köln (davon gab es entschieden zu viele!), wieder einmal ein gefährlicher Ball zur Mitte (das, was der HSV nicht besonders gut kann!), und wie schon gegen Wolfsburg verlor Joris Mathijsen ein entscheidendes Duell. Momamad köpfte den Ball unhaltbar ein. Der Anfang vom Ende?

Nein, der HSV schlug zurück. In Person von Jansen. Der schoss ein wahres „Zauberding“ zur Mitte, schlenzte den Ball in den Rücken der Kölner Abwehr, dort lauerte Petric, und der bekam die Kugel zum Glück im zweiten Versuch unter Kontrolle. Den Rest erledigte er mit der Routine eines abgeklärten, fast schon abgebrühten Torjägers, indem er den Ball über Torwart Mondragon ins Tor lupfte (36.) – die erneute Führung. Ein Super-Tor, schon von der Entstehung her.

Im zweiten Durchgang wurde es dann richtig heiß im nicht so kalten Köln. Wieder ein Frühstart des HSV: Flanke Aogo, der ein richtig gutes Spiel absolvierte, und der Kölner Geromel bekam den Ball an die Hand. Weiner gab – völlig berechtigt – einen Strafstoß. Den verwandelte Petric trotz eines höchst ungewöhnlichen Störmanövers von Torwart Mondragon. Der lief aus seinem Tor, bis hinüber zur Trainerbank, um sich dort zu erkundigen, in welche Ecke Petric wohl schießen würde. Und, was besonders schlimm war, er durfte es! Das war schon kurios.

Danach wurde der Schiedsrichter unter Druck gesetzt („Schieber, Schieber“), aber der HSV kam ganz gewaltig. Jansen hätte die Partie frühzeitig entscheiden können. Einmal lief er frei auf das FC-Tor zu, ließ sich aber noch abdrängen, statt 1:4 nur Eckstoß (54.). Und als Jansen kurz darauf auch schon Torwart Mondragon ausgespielt hatte, „vergaß“ der erneut starke Mittelfeldspieler völlig, das Tor zu machen – das war fast schon dramatisch fahrlässig (63.). Es wäre der „Fangschuss“ für die Kölner gewesen.

So wurde es noch einmal munter. Ich muss zugeben: Köln ist für Schiedsrichter ein ganz, ganz heißes Pflaster, ich möchte hier kein einziges Spiel leiten müssen. Es sei denn, Köln ist der klare Favorit und liegt nach fünf Minuten mit 6:0 vorne. . .

Hier lag der FC aber zurück. Und in der 75. Minute nur noch 2:3. Wieder ein Freistoß, natürlich (für mich übrigens umstritten!). Und den schlenzte Novakovic aus 24 Metern ins Tor. In der Mauer sprang kein Hamburger hoch, der Ball flog knapp über den Kopf von Petric gen Tor, und Frank Rost stand für meine Begriffe zu weit links. Es rächte sich damit bitter, dass der HSV so viele „Hundertprozentige“ hatte liegen lassen.

In der 80.Minute kam Trochowski dann doch noch. Für Berg, nicht für Elia. Der rückte in die Spitze, „Troche“ blieb rechts. Und zwei Minuten vor Schluss sollte Ruud van Nistelrooy dann sein Debüt geben, aber vorher fiel das 3:3, als Chihi mit Glück ins HSV-Tor traf. Der “Ruud” durfte dann zwar doch noch für eine Minute, mit ihm Robert Tesche (raus Elia und der den Kopf schüttelnde Petric), aber diese Premiere hatte sich van Nistelrooy sicher auch ganz anders vorgestellt.

17:29 Uhr

Nächste Einträge »