Jaro ist das beste Beispiel

20. November 2014

Es ist noch gar nicht so lange her, da schrieb ich von Topspielern des HSV, die im Unfrieden und in meinen Augen auch unter unwürdigen Umständen den Verein wechselten. Bei Calhanoglu und einigen anderen geschah dies unter mehr als fragwürdigen Umständen und wurde zu Recht kritisiert. Allerdings wurden auch bei anderen plötzlich Geschichten lanciert, die den Spieler schlecht aussehen ließen. Ob es ein Vincent Kompany war, dem man nachsagte, er habe am Ende nicht mehr alles für den HSV gegeben oder ein Frank Rost, der angeblich immer wieder Politik gegen die Vereinsführung gemacht hatte. In dem Moment, wo klar war, dass sie nicht mehr für den HSV auflaufen würden, gab’s was hinterhergeschmissen. Vergessen waren die Leistungen für den Verein. Es gab einige (zu viele) Beispiele von verdienten Spielern, denen man den Abgang leicht hätte machen können – wenn nicht gar müssen. Wäre da nicht das Hamburger Problem mit den Eitelkeiten…

Mit Dietmar Beiersdorfer hat der HSV seit diesem Sommer wieder einen Vereinsboss, der bekannt dafür ist, menschlich mit seinen Spielern umzugehen. Egal wer den Verein verließ – über Beiersdorfer gab es eigentlich nie etwas Negatives zu hören.

Von Chef und Angestelltem zu Freunden geworden: Dietmar Beiersdorfer (l.) und David Jarolim

Von Chef und Angestelltem zu Freunden geworden: Dietmar Beiersdorfer (l.) und David Jarolim

Und von ihm noch weniger. Genauso wenig wie von und über David Jarolim. Aber auf den komme ich am Ende des Artikels noch mal (inklusive Video), der hoffentlich der Anfang von einer ganzen Reihe vernünftiger Abschiede ist.

Aber bevor ich mich Jaro widme, möchte ich mich noch einmal der gestern überraschend verkündeten Personalie Otto Addo widmen. Wie ich jetzt erfahren habe, hatte Addo am Mittwoch vor der Meldung des HSV ein Gespräch samt Anwalt und der Personalleiterin des HSV, Daniela Schumacher. In diesem Gespräch verständigten sich alle darauf, so sagt es Addos Anwalt Tobias Andresen, „dass wir nach außen noch nichts kommunizieren, ehe grundsätzliche Fragen geklärt sind.“ Eine dieser Fragen – und die ist tatsächlich elementar – ist die nach dem Angestelltenverhältnis. Der HSV ging und geht noch immer davon aus, dass der bis Juni 2015 datierte Vertrag nicht verlängert wird und daher das Angestelltenverhältnis Addos mit seinem Vertragsende automatisch im kommenden Sommer endet. „Dem ist allerdings nach nunmehr sechs Jahren nicht so“, sagt Andresen. Das einst zeitlich begrenzte Arbeitsverhältnis habe sich inzwischen in ein unbefristetes verändert.

Am Tag der erfolglosen Schlichtung zwischen dem HSV und Mirko Slomka und einen Tag vor dem Gerichtstermin mit Fitnesstrainer Nikolai Vidovic bahnt sich offenbar der nächste Rechtsstreit an. Denn die anwaltliche Vertretung Addos weist daraufhin, dass die Möglichkeit der Befristung über den so genannten “Verschleißtatbestand” hier nicht funktioniert. In Bundesligamannschaften gilt dieser, da der Trainer sich dort abnutzen kann. Im Wortgebrauch heißt es dann immer ‚Er erreichte die Mannschaft nicht mehr’. Bei Addo gestaltet sich das allerdings etwas schwieriger, da sich die Mannschaft des U19-Trainers spätestens alle zwei Jahre durchwechselt und Addo immer neue Spieler trainiert. „Daher sind wir uns sehr sicher, dass Otto Addos Vertrag nach den Jahren beim HSV als unbefristet einzustufen ist“, so Andresen.

Die Nachfrage beim HSV, weshalb die Pressemitteilung trotz anderslautender Absprache gestern schon veröffentlicht wurde, konnte mir niemand beantworten. Der Hinweis, Addo hätte vor der Veröffentlichung den Text erhalten, dementierte Akeem Adewunmi, Addos Berater, vehement. „Wenn dem so gewesen wäre, hätten wir gestern schon alles daran gelegt, dass dieser Text nicht erscheint. Schließlich wollen wir in Otto Addos Sinn, dass hier alles reibungslos abläuft. So gern er auch bei seinem HSV geblieben wäre.“

Warum sich der HSV diese eh ungewöhnlich früh verkündete Personalentscheidung nicht verkneifen konnte, bleibt mir bis heute schleierhaft. Gewinner hat diese Verkündung jedenfalls keinen. Zumal im Verein niemand zu finden ist, der nicht daran glaubt, dass Addo seinen Abgang ohne Streit hinter sich bringen will. „Otto war als Spieler in der Jugend angeblich nicht gut genug, hat dann eine beachtliche Karriere hingelegt und ist dennoch zurückgekommen – weil er ein HSVer ist“, sagt Adewunmi, „umso trauriger sind wir, dass Vereinbarungen hier so missachtet wurden. Vor allem vor dem Hintergrund, dass ganz grundsätzliche Sachen noch zu klären sind. Otto ist der Letzte, der im Streit gehen will.“ Wobei Adewunmi und Andresen auch klar sein muss, dass sie in Sachen Entlassungen und folgenden Rechtsstreit auf einen HSV-Anwalt treffen, der sich gerade mächtig einspielen konnte…

Die Liste mit den Eingeladenen für Jarolims Abschiedsgala liest sich gut. Sehr gut sogar...

Die Liste mit den Eingeladenen für Jarolims Abschiedsgala liest sich gut. Sehr gut sogar…

Ausgespielt hat seit zweieinhalb Jahren beim HSV auch David Jarolim. Vor zweieinhalb Jahren zog es ihn vom HSV zurück nach Tschechien, wo er als Profi bis in den Sommer diesen Jahres spielte. Seither fungiert er als Sportchef des tschechischen Topklubs Boleslav – mit seinem Vater Karel als Trainer. „Wir sind Fünfter und haben zuletzt Punkte liegen lassen. Er weiß, dass er jetzt vier Punkte aus zwei Spielen holen muss, wenn er nicht entlassen werden will“, scherzt der Tscheche, der am 28. März mit einer tschechischen Auswahl gegen eine Auswahl seiner HSV-Weggefährten antreten wird.

Die Tickets, die ab Montag im Handel erhältlich sind, sollen nicht mehr als zehn Euro kosten. Die launige PK mit einem der Großen will ich hier nicht noch mal in Schriftform darstellen. Aber ich empfehle Euch das Video der launigen PK, das zeigt, wie sehr Jaro zum HSVer geworden ist. Dazu passt auch, dass er mir vor einigen Tagen erzählte, dass er ein Angebot des HSV abgelehnt habe, hier als Jugendtrainer anzufangen. „Ich mache meinen B-Schein und brauche noch Zeit. Ich will nicht einfach so und unvorbereitet ran. Ich brauche noch etwas zeit, eine Menge Lehrstunden und Erfahrung. Und wenn ich bereit bin, werde ich es wissen und mich melden. Das Gute an Didi (Beiersdorfer, Anm. d. Red.) ist, dass er mir gesagt hat, die Tür sei immer offen für mich. Das ist ein tolles Gefühl – und ich fühle die Verpflichtung, vorher das Bestmögliche gemacht zu haben, um für meinen HSV am Ende die erhoffte Verstärkung zu werden.“ Viel mehr geht einfach nicht, oder?

Hier die PK:

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Dennoch will und muss ich heute, keine 70 Stunden vor dem Anpfiff auf das bevorstehende Nordderby eingehen. Mit Jarolims Tochter als Glücksbringer (siehe Video) kann zwar eigentlich nichts mehr schiefgehen, zumal dazu eine Atmosphäre erwartet wird, die dem Leverkusen-Spiel entspricht. Allein ob das mit Forderungen wie heute von Dietmar Beiersdorfer und anderen dann auch so kommt, wage ich zu bezweifeln. Ebenso Pierre Michel Lasogga, der heiß darauf ist, endlich wieder zu treffen. Am liebsten zum Sieg im 101. Nordderby „Ich würde das gar nicht als Ladehemmung beschreiben“, sagte Lasogga. Immerhin hätte man in den letzten Wochen das Hauptaugenmerk auf die Defensive gelegt. „Jetzt hoffen wir, dass auch das Spiel nach vorne besser wird. Vielleicht ist solch ein Derby ein Dosenöffner für die ganze Saison.“

13 Treffer in der vergangenen Saison – auch Lasogga läuft seiner Form noch hinterher. Er weiß das – aber er ignoriert es, so gut es geht. „Die Diskussionen lassen mich kalt und interessieren mich gar nicht. Ich weiß, was ich kann und auch, was die Mannschaft kann“, sagte der 22 Jahre alte Stürmer, der nur noch das Derby im Kopf hat: „Werder ist im Aufwind durch die Siege zuletzt und wir hatten eine kleine Schwächephase. Trotzdem wollen wir zu Hause gewinnen. Wir wollen an die letzten guten Spiele zu Hause anknüpfen. Dass der Nord-Schlager gegen Werder laut Klub-Kampagne zum „lautesten Nordderby aller Zeiten“ werden soll, ist ihm egal: „Das wichtigste ist nicht, ob es das lauteste oder das leiseste wird“, so Lasogga, „sondern dass wir das Spiel gewinnen und es das erfolgreichste wird.“ Und obgleich das drei Euro für Wontorras Phrasenschwein wären – Lasogga hat Recht. Und so sehr ich mich über eine Atmosphäre wie gegen Leverkusen auch freuen würde, ich finde, diesmal sollten die Spieler in Vorkasse gehen und mit Leistung auf dem Platz die Zuschauer für sich gewinnen. Denn die sind das letzte Faustpfand. Die einzige Konstante der letzten Jahre. „Darauf freue ich mich mit am meisten“, so Jarolim. Und ich freue mich darüber bzw. hoffe, dass er das beste Beispiel dafür ist, dass der HSV es doch noch kann. Also das mit dem verdienten Abschied für verdiente Spieler. Weiter so!

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