Peter Hermann: Ein Macher, kein Schnacker

27. März 2015

„Viel nachdenken muss ich nicht. Wir haben hier acht Wochen – und Feierabend“, sagt Peter Hermann. Leider zurecht. Denn nach all den Lobeshymnen, die ihm auf dem Weg zum heutigen ersten Trainings beim HSV vorauseilten, zeigte der 63-Jährige heute, dass sie alle berechtigt sind. Im Training wusste er die Spieler bei normalen Passübungen zu begeistern – und zu korrigieren. Egal ob van der Vaart oder Ahmet Arslan, Hermann korrigierte kleine Fehler sofort. „Und das macht er so, dass du dir als Spieler nicht blöd vorkommst. Er gibt dir das Gefühl, dass du mit ihm ein Team bildest und zusammen etwas verbesserst“, hatte mir Dennis Aogo vor wenigen Tagen vorgeschwärmt. Und so sah es heute aus.

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Aogo, der beim FC Schalke kurze Zeit unter Hermann trainierte, war gar nicht einzukriegen. Ich habe zumindest selten jemanden so einen Trainer loben hören. Umso trauriger, dass Hermanns Zeit beim HSV schon jetzt absehbar begrenzt ist. Im Sommer ist wieder Schluss. Nach eben jenen acht Wochen wechselt er als Cheftrainer zur U23 des FC Bayern. Was ihn dennoch gereizt hat, den Job hier anzunehmen? „Ich hatte schon im Dezember den Plan gefasst, nach Hamburg zu gehen, verletzte mich damals aber schwer, als ich selber mal wieder bei den Senioren mitkickte. Und wenn ich nicht auf dem Platz stehen kann, bringt es nichts. Aber der Kontakt zu Peter Knäbel hielt die ganze Zeit und als er jetzt fragte, ob ich ihm zur Seite stehen kann, habe ich ja gesagt. Ich fühle mich auch moralisch ein wenig in der Pflicht.“

 

Und das glaube ich ihm. Hermann, 1973/1974 selbst Profi beim HSV („Daran erinnert sich hoffentlich keiner mehr. Da bin ich zweimal eingewechselt worden – und habe zweimal vergeigt“), ist ein Kumpeltyp. Trotz seiner beachtlichen Laufbahn als Cotrainer kokettiert er damit nicht, gibt sich bescheiden. Er ist Fußballer durch und durch. Wenn junge Spieler kommen und ihn bitten, an ihren Schwächen zu arbeiten, kann es schon mal vorkommen, dass er zwei, drei Stunden mit den Talenten nach dem Training weitermacht. Hermann ist ein Macher, kein Schwätzer. Er will auf den Platz. Und das möglichst oft. „Wir werden viel machen müssen in den nächsten Wochen“, so sein Plan, „vor allem einfachste Dinge. Die Jungs müssen merken, dass Fußball einfach gespielt am besten funktioniert.“

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Worte, die auch Knäbel zuletzt immer wieder wählte. Auch vor dem schwachen Test in Osnabrück, bei dem die aktuellen Probleme noch mal mehr als deutlich wurden. Ohne Torgefahr bricht die Mannschaft zumeist nach dem ersten kleinen Negativerlebnis auf dem Platz zusammen. „Wir sind noch instabil“, so Knäbel, der aus dem offenbarenden Test viele Erkenntnisse mitgenommen hat. Auch die, dass Pierre Michel Lasogga noch Meilen von seiner Bestform entfernt ist – was mich wieder zu der Frage bringt, ob der beste HSV-Stürmer der Vorsaison diese Serie noch mal zündet. Und vor allem: Warum noch immer nicht. Und da Lasogga zweifellos nicht zu dick ist, kann es nur am Training liegen.

Damit meine ich nicht, dass Slomka, Zinnbauer oder auch Knäbel und Peters falsch trainieren lassen. Heutzutage ist das alles wissenschaftlich ausgearbeitet. Nein, vielmehr ist es die Ausbildung in der Jugendzeit, die bei Lasogga Schuld an seiner Verletzungsanfälligkeit haben könnte. Ich habe darüber mit einem Sportphysiologen gesprochen, der sich darauf spezialisiert hat, Reha-Fälle wieder zu alter Form zu bringen. Und er hatte eine sehr interessante Theorie, wonach die Trainer in der Vergangenheit und vor allem in der Jugend zu sehr auf Lasoggas augenscheinlichen Qualitäten – Kraft, Größe und Schussstärke – gesetzt hätten. „Er war immer ein großer, kräftiger Typ. In der Jugend hat das noch gereicht, um besser zu sein. Dabei wird aber oft die Athletik vergessen. Auch die muss über die Jahre immer weiter ausgebildet werden, was vielleicht verpasst wurde. Und wenn er jetzt eine harte Vorbereitung mit etlichen ausschließlich athletischen Übungen absolvieren muss, kommt die dadurch speziell angesprochene Muskulatur nicht nach und macht zu.“ Sieht man sich mal Lasoggas Vorbereitungshistorie an, klingt das zumindest sehr plausibel.

 

Apropos Kraftpaket: Heute Abend hat Nigel de Jong in sein Hamburger Autohaus zur großen Wiedersehens-Party geladen. Und viele ehemalige HSVer, die morgen beim Abschiedsspiel für David Jarolim (15 Uhr) in der Imtech-Arena auflaufen werden, werden da sein. De Jong selbst zwar nicht, da er für die niederländische Nationalelf nachnominiert wurde, dafür aber der eine oder andere ehemalige HSV-Trainer und Mladen Petric. FussballDer Kroate schaute heute schon beim Training vorbei. „Es ist schon eine echt schwierige Situation“, so der Angreifer, „aber ich glaube, sie packen das. Auch, weil sie in den letzten zwei Jahren mit dem Abstiegskampf Erfahrung gemacht haben und die Situation kennen.“

 

Na dann hoffen wir mal, dass der Magier Recht behält. Morgen werden wir in der Arena noch mal den Glanz alter Tage erleben und Spieler sehen, die uns an bessere Zeiten erinnern.

 

Zum Beispiel die HSV-Allstars: Tor: Jaroslav Drobny, Stefan Wächter, Frank Rost

Abwehr: Thimothée Atouba, Dennis Aogo, Khalid Boulahrouz, Milan Fukal, Bernd Hollerbach, Bastian Reinhardt, David Rozehnal, Tomás Ujfalusi

Mittelfeld: Paule Beinlich, Collin Benjamin, Thomas Doll, David Jarolim, Mehdi Mahdavikia, Piotr Trochowski, Sturm: Romeo Castelen, Sergej Barbarez, Mladen Petric
Trainer: Thorsten Fink, Martin Jol

Jarolim Dream-Team

Jaromir Blažek, Daniel Zitka
Abwehr: Zdenk Grygera, Marek Jankulovski, Jiri Jarošík, Martin Jiránek, Pavel Mareš, Marek Nikl, Adam Petrouš, Zdenk Pospech

Mittelfeld: David Jarolim, Lukas Jarolim, Marek Jarolim, Pavel Nedved, Karel Poborský, Radek Sirl, Vladimir Šmicer, Roman Tyce

Sturm: Jan Koller, Pavel Kuka, Vratislav Lokvenc, Marek Mintal, Stanislav Vlček

Trainer: Klaus Augenthaler, Karel Jarolim

 

In diesem Sinne, ein vergleichsweise ereignisarmer Tag neigt sich dem Ende. Cléber und Rudnevs (Schlag aufs Knie) pausierten heute und trainierten individuell, während Rafael van der Vaart wieder voll einsteigen konnte, morgen aber für das Abschiedsspiel Jarolims passen muss. Wir indes werden dabei sein und melden uns morgen nach dem Abschiedsspiel wieder bei Euch. Bis dahin,

 

Scholle

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